Im neuen Jahr haben die Aktionäre an ihren Papieren noch nicht viel Freude erlebt. Die Kurse scheinen einem neuen Tiefpunkt entgegenzusteuern. Es wäre zu einfach, dies allein mit politischen Motiven erklären zu wollen, obwohl die Berlin-Sorgen aus den Börsensälen keineswegs verschwunden sind. Was sich jetzt bei den deutschen Aktienkursen abspielt, ist die verständliche Reaktion auf die Vielzahl von Kapitalerhöhungen, die im Jahre 1962 erwartet werden müssen, also zu einer Zeit, da man sich an den fünf Fingern abzählen kann, daß sich die Ertragsmarge der Unternehmen einengen wird. Dieser Zustand reizt weder die potenten inländischen Anleger noch die Ausländer, sich gerade jetzt in deutschen Aktien zu engagieren. Die ausländische Spekulation hält sich vom deutschen Markt fast vollständig fern. Aus der Schweiz kommen Verkaufsaufträge, wobei allerdings von Fall zu Fall zu prüfen sein wird, ob die Auftraggeber nicht deutsche Bundesbürger sind, die aus steuerlichen und sonstigen Gründen ihre Wertpapiergeschäfte über ausländische Banken abzuwickeln pflegen.

Die Entwicklung auf dem Aktienmarkt steht im Gegensatz zu der regen Anlagetätigkeit bei den festverzinslichen Papieren. Die neuen sechsprozentigen Anleihen müssen jeweils scharf repartiert werden. Da jedoch einige große "Brocken" vor der Tür stehen, ist anzunehmen, daß hier nach und nach jeder zum Zuge kommt. Im Hintergrund droht im übrigen bereits eine Bundesanleihe, mit der demonstriert werden soll, daß der Bundesetat in diesem Jahr nicht mehr allein mit Steuermitteln ausgeglichen werden kann. Ein aktueller Finanzbedarf des Bundes besteht jedoch nicht. Das sollte man in diesem Zusammenhang festhalten. Auch deshalb, weil die Börse zeitweilig durch Nachrichten beunruhigt wurde, die von einer bevorstehenden Steuererhöhung wissen wollten. Es kann gar nicht schaden, wenn der Bund künftig mit einem Defizit arbeitet, denn das dämpft die Begehrlichkeit unserer lieben Verbündeten, die die Bundesrepublik für eine recht ergiebige Milchkuh zu halten scheinen.

Es ist kein Wunder, wenn der Kursdruck in den vergangenen Tagen bei den IG-Farben-Nachfolgern am stärksten war. Die Börse ist verstimmt, weil die Unternehmen starr an den Ausgabekursen von 300 % für die kommenden jungen Aktien festhalten wollen. Das scheint für sie u. a. auch eine Prestige-Angelegenheit zu sein. In der gegenwärtigen Börsenverfassung wiegen derart hohe Ansprüche an den Aktionär aber doppelt schwer. Und was werden die ausländischen Aktionäre tun? Werden sie ihre Bezugsrechte wahrnehmen oder werden sie angesichts der politischen Verhältnisse und im Hinblick auf die Konjunkturdämpfung darauf verzichten, ihr Engagement in deutschen Papieren zu vergrößern? Die Antwort auf diese Frage ist mitentscheidend für den Erfolg der Placierung der jungen Aktien, denn schließlich befinden sich allein 20 bis 25 % des Bayer-Kapitals im ausländischen Besitz. Und wie werden die Investment-Gesellschaften disponieren? Da das Aufkommen neuer Mittel vermutlich geringer ist als das Kapital, das erforderlich wäre, um überall von den Bezugsrechten Gebrauch machen zu können, werden auch von dieser Seite Bezugsrechte veräußert werden. Überdies braucht man die Bezugsrechterlöse zur Aufbesserung der Jahresausschüttungen. Außerdem ist zu beachten, daß bei zahlreichen privaten Wertpapierportefeuilles die IG-Farben-Nachfolger infolge der in letzter Zeit recht oft durchgeführten Kapitalerhöhungen ein gewisses Übergewicht erhalten haben. Schon aus Gründen einer soliden Mischung wird man hier zu einem Gleichgewicht zurückkehren wollen.

Keine Börsenbewegung vollzieht sich längere Zeit isoliert. Schwache Chemie-Kurse ziehen rückläufige Kurse auf anderen Marktgebieten nach sich. Deshalb auch der schwache VW-Kurs. Überdies hat im Ausland die Begeisterung für deutsche Fahrzeugaktien in letzter Zeit merklich nachgelassen. Nur bei den Montanen blieb die Stabilität erhalten. Hier genügt die Rendite den Ansprüchen der Anlegen Die Diskrepanz zwischen den Montan- und Chemie-Kursen, über die viel geschrieben worden ist, verringert sich. Allerdings nicht so, wie es sich viele Aktionäre gewünscht haben, wenn sie von einer Montan-Hausse träumten, durch die die Kurse der Eisen- und Stahlaktien denen der Chemie-Werte angeglichen werden sollte. Die Angleichung trachte Fortschritte, nur anders herum. Die Chemie-Aktien verließen ihre bisherige Höhe...

Wie wird sich die Börse nun weiterentwickeln? Eine Besserung kann von zwei Seiten erfolgen. Einmal durch eine Rückkehr der Ausländer. Darauf sollte man nicht zu hoch setzen. Immerhin ist sie möglich, wenn sich eine zunehmende Entspannung um Berlin ergeben würde. Das wird in den nächsten Wochen sicherlich noch nicht der Fall sein. Eine gewisse Hoffnung für eine stärkere Auslands-Aktivität besteht außerdem dann, falls sich die deutschen Kurse einem Stand nähern sollten, der unverkennbar Erfolgschancen erkennen läßt. In einem solchen Fall wäre ein Umschwenken von den amerikanischen Wertpapiermärkten auf die deutschen Aktien möglich. Dieser Punkt ist offensichtlich noch nicht erreicht. Die andere Möglichkeit, das Börsenwetter zu bessern, liegt in der Konjunkturentwicklung. Das Hamburgische Weltwirtschafts-Archiv (u. a. mit der Konjunkturforschung beschäftigt) meint, daß die zweite Jahreshälfte konjunkturell schon wieder besser ausfallen wird als die erste. Dann dürfte der allgemeine Lagerabbau beendet sein, und die Auftragsbestände werden wieder steigen. Außerdem sind Impulse von den wachsenden Masseneinkommen zu erwarten.

Für den Anleger wird es künftig darauf ankommen, "gezielt" zu investieren. Starke Anzeichen deuten daraufhin, daß dies bereits jetzt geschieht. Bevorzugte Branchen sind: Hoch- und Tiefbau, Elektro, tischfertige Nahrungsmittel, Porzellan, Glas und Möbel. Daneben interessiert man sich für den Maschinenbau, für Aktien der kosmetischen Industrie und schließlich auch für die Warenhäuser, wenngleich die letzteren nunmehr ebenfalls von der Börsenschwäche in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Kurt Wendt