Aus der Geschichte kriecht ein Gespenst heran und schreckt unsere Freunde. Es ist vierzig Jahre alt und heißt Rapallo.

Nun mögen zwar für ein normales Gespenst vier Jahrzehnte nicht eben viel bedeuten, für einen Geschichts-Spuk des zwanzigsten Jahrhunderts freilich ist es fast eine Ewigkeit, so daß denn auch dieser Rapallo-Geist schrecklich klapprig und altersschwach geworden ist. Er sollte niemanden mehr schrecken, und unsere Freunde, von denen wir glauben, daß sie uns vertrauen wie wir ihnen, am allerwenigsten.

Nikita Chruschtschow, der diesem Gespenst neuerlich wieder aufzuhelfen versuchte, konnte im Ernst nicht glauben, daß ihm sein Unternehmen viel Erfolg einbringen würde. Da schickte er, der listige Kremlchef, kurz vor Jahresende ein Papier nach Bonn, von dem – noch bevor es von einer ungeschickt und recht hilflos reagierenden Bundesregierung veröffentlicht wurde – schon alle Spatzen von den Dächern pfiffen, es solle nichts anderes bewirken, als einen Keil zwischen Bonn und seine westlichen Partner zu treiben. Und als dann jedermann das langatmige Dokument lesen konnte – wie schien da dieser Verdacht bestätigt! Ein plumper Versuch, fürwahr. Wie faustdick war da doch alles aufgetragen!

Was bedeutete schon der sachliche, ja, fast freundliche Ton, in dem das Ganze gehalten war, wenn Sätze darin standen wie diese: „Eine neutrale Bundesrepublik, geschweige denn ein vereintes, friedliebendes, neutrales Deutschland mit geringen Militärausgaben und einer mächtigen, leistungsfähigen Wirtschaft ist ja gar nicht das, was in den Hauptstädten der Westmächte gefallen könnte Das Werben Frankreichs und seines Präsidenten entspringt nicht besonderer Liebe, es ist lediglich Ausdruck des Wunsches, einen starken Partner bei sich zu haben, beziehungsweise sich selbst in seiner Nähe zu halten... England hat in seiner tatsächlichen Politik vor allem eine Sorge, nämlich wie es seinen westdeutschen Konkurrenten wirtschaftlich schwächen kann... Wenn die Bundesrepublik nicht in das Wettrüsten einbezogen wird, erklärte Eisenhower, so werde sie ihr wirtschaftliches Potential weiter stärken und zum Schaden ihrer NATO-Verbündeten noch vorteilhaftere Positionen im Welthandel erobern.“

In der Tat: plumpe Versuche, Zwietracht zu säen – aber eben doch schon so plump, daß dahinter das Raffinement hervorblitzt.

Die Kremlpolitiker haben in ihrer Note eine Grundweisheit selber so formuliert: „In der Politik tut man gewöhnlich nichts aus reiner Sympathie.“ Auch sie verfolgten natürlich eine wohlberechnete Absicht, als sie gerade dieses Papier gerade zu, diesem Zeitpunkt nach Bonn schickten. Daß Konrad Adenauer, der seine Politik zwölf Jahre lang entschlossen, ja, mit bedingungsloser Starrheit auf die West-Integration der Bundesrepublik ausgerichtet hatte, dem Sirenen-Mißklang aus Moskau auch nur einen Augenblick sein Ohr leihen würde, konnte Chruschtschow, wie gesagt, nicht erwarten. Wenn aber die Note von vornherein in präzis kalkulierter Übertreibung auf eine Ablehnung hin formuliert war, wo steckte dann des Sowjetpudels Kern? Doch wohl darin, der Bundesrepublik als der letzten „Bastion des Kalten Krieges und übler Revanchisten“ aufs neue einen Schwarzen Peter zuspielen zu können: Seht her, ihr Freunde im Friedenslager, seht her, ihr Neutralen, auf diese realistische und gutwillige Note, in die wir sogar auch ein wenig Herz gelegt haben, antwortet uns Bonn mit einem kalten Nein! (oder: antwortet uns Bonn mit keinem Wort!)

Deutet nicht alles darauf hin, daß Moskau so gerechnet hat, und deutet nicht auch alles darauf hin, daß es seine Rechnung keineswegs ohne den deutschen Wirt gemacht hat? Laut und verärgert schallen die Ablehnungsrufe aus Bonn, und Heinrich von Brentano, der doch eine Zeitlang mit der Diplomatie zu tun hatte, erklärte rundheraus, die Bundesrepublik sei nicht bereit, „Verträge zu brechen und Freunde zu verraten“. Als ob dies die Verführung der Stunde sei ...