So begründet die deutsche Seeschiffahrt ihre SOS-Rufe an den Staat

Von Harald H. Schuldt

Am 1. Oktober 1949 wurde die „Maritime Ports and Shipping Brauch“ aufgelöst, das Kontrollorgan der Alliierten für den deutschen Tonnageeinsatz. Die deutschen Reedereien konnten wieder etwas Hoffnung schöpfen. Durch Verluste infolge des Zweiten Weltkrieges war die Tonnage von 4,4 Millionen BRT auf 1,4 Millionen gesunken. Nach Ablieferung als Reparationsentschädigung und Versenkung einer Reihe von Schiffen mit Gas-Munition auf Befehl der Alliierten verblieb den deutschen Reedern nur ein unbedeutender Rest von 101 Schiffen mit 68 000 BRT plus einer Tonnage von 75 000 BRT zur vorläufigen Verwendung.

Mit diesem kleinen Schiffsraum waren in den Jahren 1945 bis 1947 zunächst nur Fahrten an der verbliebenen kleinen deutschen Küste zwischen Emden und Flensburg und später ein Verkehr in der Nord- und Ostsee erlaubt. Alle Fahrten bedurften einer Einzellizenz durch die alliierten Behörden. Es wurde keine Erlaubnis für Fahrten zwischen ausländischen Häfen erteilt. Eine Wendung trat erst 1948 durch die Erlaubnis für den sogenannten „Cross Trade“ ein, und 1949 entfielen durch die Auflösung der „Maritime Ports and Shipping Branch“ die letzten Fahrtbeschränkungen. Inzwischen waren auch die zur vorläufigen Verwendung belassenen Schiffe den deutschen Reedem wieder endgültig zum Eigentum zurückgegeben worden, so daß die kleine deutsche Handelsflotte sich im Jahre 1949 aus 182 Schiffen mit 149 000 BRT zusammensetzte.

Zunächst nur „Potsdamschiffe”

Während dieser ganzen Jahre waren Neubauten Jeder Art verboten. Erst im Frühjahr 1949 wurde die Bauerlaubnis für Schiffe eines bestimmten Typs gestattet, welche nachher unter dem Namen „Potsdamschifffe“ (max. Größe 1500 BRT, Aktionsradius 2000 Seemeilen, Ladebäume nicht stärker als 3 tons, Kohlefeuerung, Motorenantrieb nur unter 33,5 m Länge), bekanntgeworden sind.

Das Jahr 1949 stellt also die Wende in der deutschen Seeschiffahrt nach dem Zweiten Weltkrieg dar. Seitdem ist es gelungen, die Flotte wieder völlig aufzubauen. Mit 4,55 Millionen BRT Ende 1961 sind die Verluste durch Krieg und Ablieferung sogar mehr als ausgeglichen worden.