Tennessee Williams muß selber zu der Einsicht gelangt sein, daß es so mit ihm als Dramatiker nicht weitergehen könne. Das mag nach der Niederschrift von „Süßer Vogel Jugend“ gewesen sein. Dieses nur noch als geschmacklos zu bezeichnende Stück ist (in Deutschland) über einige repräsentative Inszenierungen nicht hinausgelangt. Die erste fand 1959 während der Festwochen im Berliner Schillertheater mit Marianne Hoppe statt. In Frankfurt am Main lehnte Lola Müthel die ihr angetragene „Bombenrolle“ ab. Wenn so etwas eine Schauspielerin über sich bringt, ist der Autor gerichtet.

Theoretisch war Tennessee Williams im Recht, als er sich (und andere moderne Autoren) gegen den Vorwurf verteidigte, sie brächten unentwegt unerfreuliche Charaktere, unerfreuliche Dinge und ein unerfreuliches Vokabular, im Grunde „Krankengeschichten“, auf die Bühne. In The New York Times Magazine (deutsch in Die Kultur Nr. 164/1961) erwiderte Williams: „Mein Standpunkt ist, daß es keine menschlichen Erfahrungen, Verhaltensweisen und Reaktionen gibt, die den Fernseh-, Film- und Schauspielverfassern unserer verzweifelten Zeit versperrt bleiben dürfen.“

Bedeutsam ist der eingeschobene Satz: „vorausgesetzt, daß sie in ehrlicher Absicht und mit Geschmack dargestellt werden.“ An anderer Stelle dieser brillanten Replik heißt es: „Nimm der Kunst unserer Zeit ihre einzige Quelle, den wahrhaften Ausdruck ihrer leidenschaftlich-persönlichen Probleme und deren Vergeistigung im Werk, und du stehst auf einem derartig trockenen Boden, daß selbst ein Kaktus darauf nicht mehr zu blühen vermöchte.“

„Vergeistigung im Werk“ – daran mangelte es der nur noch „dynamischen“ Dramatik des Tennessee Williams schon eine Weile. Das war nicht immer so. Als Doppelbödigkeit der Realität, als Verschleifen der Zeit in den zwielichtigen Bezirk der Irrealität reklamierte René Drommert vor kurzem (in der ZEIT Nr. 52/1961) die „Vergeistigung im Werk“, in der „Glasmenagerie“, gegen den Mitautor Tennessee Williams am Filmdrehbuch der „Glasmenagerie“ („Williams hat Williams verraten“).

„Camino Real“ ist ein singuläres Stück geblieben. „Endstation Sehnsucht“ und „Die tätowierte Rose“ waren „Theater zum Sehen und Fühlen“, in dem „die ehrliche Absicht“ des Autors zu packen vermochte. Dann aber drehte sich Williams Produktion in einer Spirale immer derselben Motive. Sie wand sich tiefer und tiefer, ihr eindeutiges Ziel: die Genitalzone. Der Autor drehte durch und vertraute sich – wie die Weltpresse ausplauderte – einem Psychoanalytiker an.

Der Patient Tennessee Williams wollte dann seine Mitmenschen freundlicher, kontaktwilliger betrachten. Frucht der „neuen und positiven Schaffensweise“ war eine Komödie, wenn auch eine „ernste“. Als sie unter dem Titel Period of Adjustment im vorigen Jahr am Broadway herauskam, ironisierte der amerikanische Kritiker Robert Brustein das neue Stück als eine Mystifikation: vielleicht stamme es von einem Scharlatan, der sich nur des zugkräftigen Namens von Tennessee Williams bediene? Als „Zeit der Anpassung“ erreichte die „ernste Komödie“ (deutsch von Franz Höllering) im Januar 1962 den alten Kontinent. Die „europäische Erstaufführung“, wie der Programmzettel stolz etikettieren durfte, fand in den Hamburger Kammerspielen statt.

Über die deutschen Bühnenrechte von Tennessee Williams „Zeit der Anpassung“ verfügt der S. Fischer-Verlag. Obwohl Agenten kühl zu kalkulieren pflegen, überließ der Bühnenvertrieb „Zeit der Anpassung“ dennoch den Hamburger Kammerspielen. Glückwunsch dem ehrgeizigen Dramaturgen, der sich nebenher in Matineen rührend um „Zeitbühne“ und moderne Schriftsteller bemüht. Sorry – dem „Weltautor“ Tennessee Williams.