Wenn eine Dame, die alles ganz anders sieht, einen Flugzeugträger besucht

Hamburg

Der amerikanische Flugzeugträger Essex an der Überseebrücke zu Hamburg erlebt soeben die Pause zwischen zwei Stürmen – zwischen zwei Stürmen im Hafen. Letztes Wochenende erkletterten Tausende von Hamburgern mit Kindern und Hunden das imposante Kriegsschiff, am Sonnabend und Sonntag soll die Brandung wiederkehren.

Im Augenblick ist „die alte Essex – Silvester vor zwanzig Jahren wurde sie in Dienst gestellt – im Normal-Ruhezustand zu sehen. Ein: paar Hamburger Polizisten stehen an den Zugängen zur Brücke. Drei kleine Schuljungen haben es geschafft, bis zum Zollgitter ans Schiff heranzukommen, und grüßen Offiziere, die von Bord gehen, durch Anlegen der Hand an die Pudelmütze. Aus ihrer Perspektive ähneln die Aufbauten einem Hochhaus im Bunkerstil.

In der großen Flugzeughalle – zwei Decks unter dem Flugdeck – steht ein großer Teil der achtundvierzig Flugzeuge mit gefalteten Flügeln. An einer Längswand, prangt bunt und illustriert die Obersicht über Erfolge des kampferprobten Schiffes. Obere. Rubrik „World War II“, untere „Korean Cruises“. In Korea, liest man dort, hat die Essex – mittels ihrer Flugzeuge, denke ich mir – 661 Eisenbahnwaggons, 689 Lastautos und 292 Ochsenkarren zerstört. Ein exotisches Panorama, eins mit heilen Ochsenkarren allerdings, entsteht vor meinem inneren Auge. Die hineinpassenden Gestalten, Asiaten, erblicke ich leibhaftig, als ich mich wieder zur Halle umwende. Matrosen aller Hautschattierungen, auffallend viele asiatischer Herkunft darunter, sieht man an Bord.

Nur diejenigen Mariner, die Dienst haben, sind an Bord zu sehen. Die anderen sind irgendwo unten in ihren Logis – off limits für Frauen – oder spazieren durch den Hamburger Regen. „Hamburg ist alright“, versicherten etliche freundlich. „Hamburg ist sehr teuer“ wird ebensooft festgestellt. Trotzdem kommen immerzu Matrosen aufs Schiff zurück, die viele Pakete tragen. Ein Kapitän fragt mich, wo man am besten ein kleines Segelboot kauft. Ich weiß es nicht. So etwas, denke ich, läßt sich der feine Hamburger nach Maß machen.

Hinter einer breiten weißen Baumwoll-Litze mit Troddeln, die, über Pfosten gespannt, ein Rechteck abteilt, steht auf einer Art Staffelei eine Messingtafel, auf der die Fahrten der Essex eingraviert sind. Die Szenerie hat etwas von der genügsamen Pracht kleiner katholischer Kirchen auf Teneriffa, und man würde sich nicht wundern, wenn vor dem großen Glaskasten an der Nebenwand Eisenständer mit vielen brennenden Kerzen stünden: so feierlich blicken die Photos der 240 Offiziere des Flugzeugträgers aus dem Rahmen. Ein Matrose ist fleißig dabei, vom Läufer, der die Weihestätte umgibt, die Fußspuren abzufegen.