Von Wolfgang Rothe

Der renommierte Rhein-Verlag in Zürich hat Grund zu feiern: Kurz vor Jahresschluß konnte-er den zehnten und letzten Band seiner riskantesten Unternehmung ausliefern –

Hermann Broch: „Die Unbekannte Größe und frühe Schriften – Mit den Briefen an Willa Muir“, Gesammelte Werke, Band 10; Rhein-Verlag, Zürich; 425 S., 25,– DM.

Im Alleingang, ohne sonderliche Rücksicht auf Rentabilität, hatte Daniel Brody, Originalverleger der „Schlafwandler“ (1931/32), sofort nach dem Tod seines alten Autor-Freundes 1951 begonnen, das Gesamtwerk herauszugeben. Die herrlich gedruckten, in blaues Buckram gebundenen Bände dürfen als eine der Spitzenleistungen schweizerischer Buchkultur gelten. Das Oeuvre sollte eigentlich schon zum zehnten Todestag (am 30. Mai 1961) abgeschlossen vorliegen, jedoch verzögerte sich das Erscheinen des letzten Bandes.

Der Gedenktag blieb, jedenfalls in Deutschland, praktisch unbeachtet.

1959 war der neunte Band erschienen, der die – teilweise überaus provokanten – massenpsychologischen und politischen Studien aus der Emigration (entstanden vor allem 1939/41) enthielt. Über ihn wurden bis heute in der Bundesrepublik keine drei Rezensionen geschrieben, die sich dem brisanten Material auch nur einigermaßen gewachsen zeigten. Auch die vorangegangenen Bände „Essays I“ und „Essays II“ waren fast ohne Echo geblieben.

Im Lande der Dichter und Denker hat der Dichter-Denker Hermann Broch nie viele Leser gehabt. Sein Debüt fand immerhin in Deutschland statt, in München nämlich, wo seinerzeit der Rhein-Verlag residierte. Es war jedoch um die drei Bände der „Schlafwandler“ geschehen, ehe die Herrlichkeit recht angehoben hatte: Broch war Jude und Kapitalist dazu. Vorher aber noch hatte der Literaturpapst Paul Fechter den Autor des metaphysischen Epos nacheinander als Fontane- und Heinrich-Mann-Epigonen deklariert, oder richtiger: deklassiert. Und Sami Fischer, der berühmte Verleger, hatte ihm nach der Lektüre des ersten Teils der Trilogie den Rat erteilt, aus dem „Pasenow“ einen ostelbisch-junkerlichen Familienschmöker zu machen – also ausgerechnet jene Genreliteratur zu fabrizieren, die Broch regelrecht haßte und bis ans Ende seiner Tage als Kitsch zu denunzieren nicht unterließ.