Von Edmund Wolf

Liebe! Mord! Schändung! Leidenschaft! Wollust! Gewalttätigkeit! Mit diesen Worten auf entsprechend bebildertem Hintergrund wird in einem Westend-Kino Viscontis Film „Rocca und seine Brüder“ angepriesen. Der Eigentümer des Kinos erklärte auf einen Angriff in der Leserbriefspalte einer Tageszeitung, auch er finde diese Reklame abscheulich, aber leider – „leider müssen meine Mitdirektoren und ich essen, und wir sind daher gezwungen, für unsere Filme die Art von Reklame zu machen, die wir bei dem Publikum in dieser Gegend für notwendig halten.“

Der arme Mann, in dessen Brust, ach, zwei Seelen wohnen, versinnbildlicht eine gesellschaftliche Schizophrenie, bei der sich die Ansprüche der Realität und der Moral nie decken. Dabei möchte man heute so gern, daß sie sich deckten. Wenn man die Trompeten des Jüngsten Gerichts so deutlich hört, steht Zynismus nicht in hohem Kurs.

Der traditionelle literarische Ausdruck solcher Spannung ist Satire; und an glänzender Satire fehlt es nicht. Es gibt etwa im milden und liberalen Guardian den jungen Michael Frayn, dessen satirische Spalte „Miscellany“ ihresgleichen sucht.

Um von einem Beispiel zu berichten: In einer großen Fernsehsendung der BBC über die Todesstrafe erschien neben andern maßgebenden Persönlichkeiten auch der neue Erzbischof von Canterbury, der körperlich und geistig gleich gewichtige Dr. Ramsay. Aber während die Sendung im allgemeinen einen Eindruck leidenschaftlicher Beteiligung erweckte (und einen Gesamtausschlag gegen die Todesstrafe zeigte), begnügte sich, der Erzbischof damit, auseinanderzusetzen, warum „die einen“ dagegen seien, „die andern“ dafür. Am nächsten Morgen pries Michael Frayn den Takt, mit dem der Kirchenfürst verstanden hatte, es allen recht zu machen. „Es ist nur schade“, schrieb er, „daß es nicht immer einen Mann vom Kaliber des Erzbischofs gegeben hat, um zu sittlichen Fragen Stellung zu nehmen. Man denke nur an die Zehn Gebote. In früheren Zeiten waren sie vielleicht gerade das Richtige, aber nach modernen Maßstäben leiden sie unter Einseitigkeit. Sie nehmen keine Rücksicht auf den beträchtlichen Prozentsatz derer, die unzweifelhaft überzeugt sind, daß die Einrichtungen des Tötens, Stehlens und Ehebrechens beibehalten werden sollten, ebenso wie die der Sonntagsarbeit zu Überstundenlohn ... Ich bin für eine gründliche Revision der Zehn Geböte, wobei man offen zugeben müßte, daß es sich da um strittige Fragen handelt ...“

Bekanntlich gibt es in England kein politisches Kabarett, wie es auf dem Kontinent zu Hause ist. Viele Gründe werden angegeben, und keiner ist ganz überzeugend. Man sagt gewöhnlich, daß ein Land mit einem so hohen Maß an Freiheit und politischem Verantwortungsbewußtsein das Ventil eines politischen Kabaretts nicht brauche; daß das House of Commons schon seit jeher die Rolle eines politischen Kabaretts gespielt habe; und daß es England zu gut ging, als daß es viel „zu raunzen“ gegeben hätte.

Wie dem auch sei, „Beyond the Fringe“ im Fortune Theatre beweist, daß England kabarettreif ist. Es ist politisches Kabarett im besten Sinn, nur ist es nicht in irgendein Kellerlokal verbannt, sondern findet in einem regelrechten Theater statt, ausverkauft schon seit Monaten, ausverkauft auf viele Monate hinaus. Zwei von den vier Kabarettisten sind, gewissermaßen konfessionell, überzeugte Dilettanten – was könnte englischer sein?