Von Eugen Gerstenmaier

Man kann sich fragen, ob Martin Niemöller über den Berliner Westen hinaus jemals das öffentliche Bewußtsein beschäftigt hätte, wenn es einen Hitler nicht gegeben hätte. Sicher hat Martin Niemöller seinen Ruf – und seine Autorität – nicht begründet, wie das herkömmlicherweise bei evan- gelischen Theologen üblich ist. Er ist zwar immer ein guter, zuweilen sogar machtvoll bewegender Prediger gewesen, aber mit Schleiermacher oder einem der anderen großen Berliner Kanzelredner hat er sich selber nie verglichen. Sein Freund Karl Barth ist wie andere vor ihm mit einem theologischen Buch, der Auslegung des Römerbriefes, schlagartig in das kirchliche Bewußtsein getreten. Martin Niemöller hat nichts dergleichen vorzuweisen. Er hat weit weniger selber geschrieben, als über ihn geschrieben worden ist.

In meiner Hilfswerkzeit habe ich manchen kritischen Mann den praktischen Verstand und die Organisationskraft Martin Niemöllers rühmen hören, die er in der Inneren Mission an den Tag gelegt habe. Aus eigener Wahrnehmung kann ich das nur bestätigen – aber ein Wichern ein Bodelschwingh, ein Stöcker ist dennoch nicht aus ihm geworden.

Nein, Martin Niemöller war zu anderem bestimmt. Er war jahrelang die Speerspitze des deutschen Protestantismus gegen das Ungeheuer dieses Jahrhunderts, den totalitären Zwangsstaat. Die Auseinandersetzung zwischen beiden wurde fällig, als zu Niemöllers und vieler anderer Verwunderung und Entsetzen der Nationalsozialismus den Habitus einer patriotischen, ehrsam ordnenden und darum vielfach willkommen geheißenen Macht ablegte und hinter dem biederen nationalen Mummenschanz die Züge des Tieres aus dem Abgrund sichtbar wurden.

Seiner Herkunft, seiner Erziehung, seinem Temperament und seinen frühen Neigungen nach paßte der junge westfälische Pfarrersohn Martin Niemöller freilich weit besser in eine Zeit, die sich unangefochten der herkömmlichen lutherischen Lesart von Römer 13 erfreute. Daß die Apokalypse 13 zu unseren Lebzeiten geschichtliche Realität gewinnen könne, war Martin Niemöller eine ebenso große Neuigkeit wie dem deutschen Protestantismus im ganzen. Auf diese Erfahrung war er so wenig vorbereitet wie die evangelische Kirche Deutschlands. Als der Kirchenkampf schon längst begonnen hatte und die „Vorläufige Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche“ bereits ein bedrängtes Häuflein war, da fiel es Martin Niemöller und den Bruderräten noch lange ebenso schwer, wie dem hannoverschen, dem bayerischen und dem württembergischen Bischof, in dem, was sie da als Widersacher vor sich sahen, das infernalisch Böse in neuer geschichtlicher Gestalt zu erkennen.

Die individuelle Gewissenskultur, in der wir konservativ oder liberal gestimmten protestantischen Staatsbürger erzogen waren, hatte einfach keine Maßstäbe und Vorstellungsmöglichkeiten für das, was da tatsächlich heraufzog. Es ist heute noch rührend und jammerwürdig zugleich zu sehen, welche Mühe man sich damals in den Kirchen Deutschlands gab, Hitler und seine Leute als „Obrigkeit“ zu respektieren, ja, sie über Römer 13 hinaus, als „Wundermänner Gottes“ zu begreifen. Daß in unserer Kirche aus der dennoch deutlich empfundenen Not – auch noch mit Hilfe von Lutherzitaten – schließlich nicht nur eine Tugend gemacht wurde, das verdanken wir, das verdankt die Kirche der Reformation neben anderen dem Mann Martin Niemöller.

Sicher: es gab in unserer Kirche Leute, die früher und scharfsichtiger als Martin Niemöller sahen, was sich da eigentlich begab. Und es gab auch Männer, die sich dem von Anfang an kompromißlos widersetzten. Aber ich habe nicht gesehen, daß sie es tatkräftiger und so öffentlich, so sicht- und hörbar allem Volke getan hätten, wie Martin Niemöller es tat.