Wjatscheslaw M. Molotow kehrt auf seinenPosten bei der Internationalen Atom-Energie-Benörde in Wien zurück – die Nachricht ist sensationell. Denn Molotow, einst Regierungschef der Sowjetunion und lange Jahre Stalins Außenminister, gilt seit Juli 1957 als „Parteifeind“, und auf dem XXII. Parteitag war er derTeilnahme an den schwersten Verbrechen des Stalinismus angeklagt worden. Ihm wurde vorgeworfen, er sei gemeinsam mit Stalin der intellektuelle Urheber der blutigen Säuberungen von 1936 bis 1938 gewesen. Jetzt wird er, der Mitte November 1961 heimbeordert worden war, und dessen Ausschluß aus der Partei damals unmittelbar bevorzustehen schien, abermals ins Ausland entsandt.

Was steckt dahinter? Will Chruschtschow den Alt-Stalinisten möglichst weit weg von Moskau kaltstellen, damit er seinen Einfluß über die alte Funktionärsgarde verliert? Oder hat der 71jährige Molotow genug Rückhalt in der Parteiführung gefunden, um seinen Parteiausschluß zu verhindern? Im Kreml war es ja schon Anfang 1959 zu Differenzen über die Behandlung der „Parteifeinde“ gekommen. Damals plädierte eine „versöhnliche“Gruppe unter Mikojan dafür, die Angelegenheit ad acta zu legen, während eine „harte“ Gruppe unter Führung des Leningrader Parteisekretärs Spiridonow – der inzwischen zum Mitglied des ZK-Sekretariats avancierte – den sofortigen Ausschluß der Beschuldigten aus der Partei forderte und sogar auf politische Prozesse gegen sie anspielte. Chruschtschow und andere prominente Parteiführer schlugen zu jener Zeit eine mittlere Linie ein.

Wenn Molotow jetzt ungeschoren nach Wien zurückkehren darf, so heißt dies nichts anderes, als daß die Kontroverse noch keineswegs beigelegt ist. Offensichtlich gibt es im sowjetischen Parteiapparat auch heute starke Kräfte, die eine allzu harte Verurteilung der „Parteifeinde“ vermeiden wollen. Es scheint, daß sie sich zunächst einmal durchgesetzt haben. Ob und wie weit sie dabei Chruschtschows Unterstützung hatten, wird sich erst noch zeigen müssen. Auf jeden Fallist das letzte Wort über Molotow noch nicht gesprochen.