R. B., Berlin, im Januar

Ausgestattet mit einer Vertrauenserklärung seines Präsidenten ist General Lucius Clay am Dienstag von einem Wochenendtrip in die amerikanische Bundeshauptstadt nach Berlin zurückgekehrt, das er Freitag mit geschwächter Autorität verlassen hatte.

Schuld an diesem Autoritätsschwund war seine Entscheidung, dem sowjetischen Kommandanten, Oberst Solowjew ebenso wie seinem politischen Berater, Oberstleutnant Alexejew, den Zutritt zum amerikanischen Sektor zu verbieten. Dagegen hatten die beiden anderen westlichen Stadtkommandanten Einspruch erheben lassen, der französische General Lacomme sogar mit der feierlichen Einfügung „im Namen der französischen Regierung“. Waren die Vorhaltungen so energisch, daß der politische Berater des amerikanischen Stadtkommandanten versprechen mußte, das Verbot so bald wie möglich aufzuheben – obgleich er freilich nicht in der Lage war anzugeben, wie und wann man sich aus dieser peinlichen Affäre ziehen werde?

Einstweilen forschen die amerikanischen Kontrolloffiziere am Ausländerübergang Friedrichstraße immer noch eifrig nach Solowjew und Alexejew, um sie zurückzuweisen, falls sie in den amerikanischen Sektor fahren wollten. Am Sonntag hielten sie einen sowjetischen Rundfahrtomnibus über eine Stunde lang auf. Fünf der 18 Insassen trugen Oberstleutnantsuniform, und der Checkpoint-Offizier wollte genau wissen, ob vielleicht einer von ihnen Alexejew heiße und politischer Berater des sowjetischen Kommandanten in Ostberlin sei.

Die Briten und Franzosen halten nichts von diesem „Indianerspiel“ in der Friedrichstraße und haben das auch in Washington kundgetan. Von Berlin nach Washington wurde ferner das böse Wort von „Clays dritter Fehlentscheidung“ getragen. Seine erste Fehlentscheidung war nach britisch-französischer Lesart der Panzeraufmarsch in der Friedrichstraße, die zweite die Wiedereinführung der Jeep-Patrouillen der US-Militärpolizei auf der Autobahn Berlin–Helmstedt, die Clay zurückziehen mußte, aber durch Kontrollen in unauffälligen Personenwagen ersetzen konnte.

Die Erregung über Clays dritte „Fehlentscheidung“ – nämlich, das Verbot für Solowjew und Alexejew – erreichte am Neujahrstag ihren Höhepunkt. Schon tags zuvor, als die Fahndung nach den beiden „verbotenen“ Sowjets begann, war ein sowjetischer Dienstwagen zurückgeschickt worden, dessen Insassen auf die an sie gestellten Fragen nicht antworten wollten. Zu jenem Zeitpunkt entstand schon die Sorge, auf diese Weise könnten auch die Mitarbeiter der Luftsicherheitszentrale an der Fahrt zu ihrer Arbeitsstätte behindert werden. Und tatsächlich, am Morgen des 1. Januar, erschien der Oberstleutnant, der die sowjetische Mitarbeitergruppe bei der – Luftsicherheitszentrale leitet, am Übergang. Er weigerte sich zu sagen, ob er Alexejew sei, und wurde von dem amerikanischen Checkpoint-Offizier nach Ostberlin zurückgeschickt.

Die Aufregung war groß, der gesamte Flugverkehr durch die Luftkorridore schien in Frage gestellt. Aber der sowjetische Major, der in der Luftsicherheitszentrale im amerikanischen Sektor gerade Schichtdienst hatte, machte Überstunden, bis seine Ablösung, eben jener Oberstleutnant, mit einstündiger Verspätung doch noch eintraf. Als er sich zum zweiten Male am Checkpoint eingefunden hatte, beantwortete er nämlich die Fragen. In der Zentrale allerdings schlug er dann Krach: Ob die Herren aus dem Westen wollten, daß er seine Arbeit einstelle? Sie wollten natürlich nicht. Und der amerikanische Luftwaffenoffizier sagte, gegen die Dummheit von Wachtposten sei kein Kraut gewachsen. Das sah der Sowjetoffizier sogleich ein.