W. G., Bonn, im Januar

An die 250 Millionen Mark hat der Bund seit 1949 in Bauten, des „Großraums Bonn“ investiert, aber das Ergebnis ist alles andere als imponierend. Zwar stehen bis jetzt 9500 Neubauwohnungen für Bundesbeamte zur Verfügung, aber das reicht noch lange nicht; zwar beherrscht der klotzige Neubau des Auswärtigen Amtes über alle Gebühr die altehrwürdige Koblenzer Straße, aber das Verkehrsministerium ist noch immer Untermieter bei der Städtischen Sparkasse, und Würmelings Familienministerium arbeitet unter einem silberblauen Mercedes-Stern, der hier zum Stern der guten Hoffnung wurde. Die Annahme, daß der Bund in Bonn wild drauflos gebaut habe, um das Regierungsprovisorium zu verewigen, bestätigt sich bei näherem Zusehen keineswegs.

Von neuen Prachtgebäuden sind seit 1949 meist ohne Rücksicht auf die Struktur der Umgebung – eigentlich nur das Außenministerium, das Postministerium (dies aus Mitteln des Versorgungswerks der Bundespost), das Bundespresse- und Informationsamt und das nicht besonders aufwendige Finanzministerium entstanden. Bauprojekte wie der Erweiterungsbau des Verteidigungsministeriums oder die Zusatzbauten zum Bundespräsidialamt und Bundeskanzleramt gehören offensichtlich nicht in diese Kategorie.

Wird jetzt davon gesprochen, daß die Pressebaracken am Bundeshaus endgültig dem Fluch der Zerstörung anheimfallen und einem modernen Pressehochhaus weichen sollen (womit sich das Bonner „Pressegetto“ zwar nicht auflösen, wohl aber vertikal gruppieren würde), so handelt es sich keineswegs um ein Projekt, für das der Bund aufkäme. Bauherr wäre die Bundespressekonferenz, die Vereinigung der in Bonn akkreditierten Journalisten, und sie hätte die etwa 2,5 Millionen DM aufzubringen. Wird hingegen das Bundeshaus umgebaut und erhält der Bundesrat auf dem durch das Verschwinden der Pressebaracken freiwerdenden Raum Platz für ein eigenes Gebäude, so hat der Bund in den Säckel zu greifen. Doch handelt es sich, wie man sieht, um relativ bescheidene Teilprojekte, die fast schüchtern, auf jeden Fall ohne eine großzügige Gesamtplanung zu verraten, vom Reißbrett auf den Verhandlungstisch der Finanzexperten wandern.

Das eigentliche Unglück Bonns ist nicht die angebliche „Verschwendung“ von Bundesgeldern für ein politisches Provisorium, sondern die planlose Zaghaftigkeit, mit der man dieses Provisorium zu kaschieren sucht. Entweder sitzt die Regierung nun einmal – provisorisch oder nicht – in Bonn (und mit ihr Bundestag, Presse, diplomatisches Corps, eine Vielzahl von Vertretungen aller möglichen Körperschaften), oder sie sitzt dort nicht. Sitzt sie aber dort, am Rhein, statt an der Spree, wohin sie gehörte, so sollte sie nicht so tun, als wollte sie morgen die Koffer packen, sondern sollte für zureichende Behörden- und Wohnunterkünfte sorgen, Straßen anlegen, Parkplätze bauen.

Seit 1949 ist die Einwohnerzahl des „Großraums Bonn“ von 260 000 auf 455 000 angewachsen – und in Bonn selbst hat jeder fünfte Einwohner ein Auto. Erst ab 1957 aber beteiligt sich der Bund zögernd an Bauvorhaben der provisorischen Hauptstadt, die über ihr Glück, zu so ungeahnten Ehren gekommen zu sein, schon manche Träne vergossen hat...