Die Statistik weist aus, daß „übermäßige Geschwindigkeit bei Berücksichtigung der Umstände“ an erster Stelle im Sündenregister der an Unfällen mit Personenschaden beteiligten Kraftfahrer steht. Das ist auch nicht verwunderlich. Von geschlossenen Ortschaften und einigen wenigen Gefahrenstellen abgesehen, wird das Tempo, mit dem man in Deutschland fahren darf, vom Paragraphen 9 der Straßenverkehrsordnung vorgeschrieben: Der Kraftfahrer muß „seine Geschwindigkeit so einrichten, daß er seinen Verpflichtungen im Verkehr Genüge leisten kann“. Damit aber ist der Mensch hinterm Steuer überfordert, denn diese Bestimmung setzt etwas Unzumutbares voraus: die Erfahrung im Umgang mit nichtlinearen Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung, die der Mensch im allgemeinen nicht besitzt.

Beim Autofahren wird die potentielle Energie, die gebannte Gewalt im Kraftstoff, in Bewegung, in kinetische Energie, wie der Physiker sagt, umgewandelt. Diese Bewegungsenergie ist gleichbedeutend mit der Fähigkeit, Arbeit zu leisten, die Arbeit, die wir unseren Muskeln ersparen wollen, aber auch diejenige, die bei einem Unfall Gut und Leben zerstört. Nun ist die kinetische Energie, wie wir in der Schule gelernt haben, gleich dem halben Produkt aus der Masse und dem Quadrat der Geschwindigkeit des bewegten Gegenstandes. Die Masse kann der Autofahrer kaum beeinflussen, bleibt also nur die Geschwindigkeit, mit der er die Wucht seines Fahrzeugs regulieren kann. Die Geschwindigkeit tritt aber gleich zweimal in der Energiegleichung als Faktor auf, daher wird die Bewegungsenergie viermal so groß, wenn man das Tempo verdoppelt.

Nun ist der Mensch in seiner alltäglichen Umwelt an quadratische Progressionen nicht gewöhnt. Für das dreifache Geld gibt’s dreimal soviel; wer halb so schnell läuft, kommt doppelt so spät; vier Bindfaden halten viermal so gut. Als Kraftfahrer sollen wir uns aber plötzlich vorstellen können, daß unsere potentielle Gefährlichkeit um mehr als die Hälfte ansteigt, wenn wir statt mit 80 mit 100 Stundenkilometern fahren. Zwar hat der Autofahrer in der Fahrschule gelernt, daß sich der Bremsweg mit der zweiten Potenz der Geschwindigkeit verlängert. Wie wenig er aber die quadratische Wirkung seines Tempos einzuschätzen vermag, erfährt er meistens erst dann, wenn die kinetische Energie ihre Fähigkeit, Arbeit zu leisten, bei einem Zusammenstoß an Stahl und Menschenkörpern beweist. Dann erst wird ihm auch amtlich bescheinigt, daß er „bei Berücksichtigung der Umstände“ zu schnell gefahren ist. Man kann es der Polizei kaum verdenken, daß sie nicht vorsorglich gegen die Verletzung des Paragraphen 9 einschreitet, denn dazu gibt er keine rechte Handhabe.

Es hilft nichts, Höchstgeschwindigkeiten müssen vorgeschrieben werden – jedenfalls dort, wo sich erfahrungsgemäß die meisten Geschwindigkeitsunfälle ereignen: auf einigen Bundes- und Landstraßen.

In den Vereinigten Staaten, wo es pro Straßenkilometer weniger Kraftfahrzeuge gibt als hierzulande und überdies bessere Straßen, sind Höchstgeschwindigkeiten selbst auf den meisten Superautobahnen vorgeschrieben, von den Landstraßen ganz zu schweigen.

Die Unfallstatistiken verschiedener Länder darf man nicht ohne weiteres miteinander vergleichen. Die Unterschiedlichkeit der Straßenverhältnisse und der Gesetze, der Überwachungsmöglichkeiten und -praktiken, der Verkehrszusammensetzung und vor allem der Einstellung der Bevölkerung zum Autofahren lassen einen solchen Vergleich nicht zu. Es wäre daher töricht, die Tatsache, daß umgerechnet auf die gefahrenen Kilometer im amerikanischen Straßenverkehr viermal weniger Menschen getötet werden als bei uns, als Argument für die Wirksamkeit von Geschwindigkeitsbegrenzungen anzuführen. Indessen ist es vernünftig, die Erfahrungen zu berücksichtigen, die man in den USA mit den Höchstgeschwindigkeiten gemacht hat. Sie besagen einmal, daß solche Beschränkungen sich nur dann auf die Unfallzahlen positiv auswirken, wenn man sie auch scharf überwacht. Das wohl drastischste Beispiel hierzu lieferte 1956 der Gouverneur des Staates Connecticut. Er erließ eine einfache Verfügung; Wer zu schnell fährt, verliert augenblicklich seinen Führerschein für mindestens 30 Tage, Die Zahl der Verkehrstoten verringerte sich daraufhin um ein Viertel.

Zum anderen hat sich in Amerika herausgestellt, daß mit einer zu niedrigen Tempogrenze eher das Gegenteil erreicht wird, weil sie zu psychischen Belastungen der Fahrer führt. Nicht bestätigt hat sich dagegen die oft geäußerte Vermutung, daß festgesetzte Höchstgeschwindigkeiten schlechte Fahrer dazu verführen, schneller zu fahren, als es ihren Fähigkeiten entspricht.