Von Marcel

Literaturkritik ist immer Polemik. Der Rezensent kämpft für oder gegen ein Buch, einen Schriftsteller, eine Richtung, eine Literatur. Zu seinem Kampf gehört auch die Diskussion mit anderen Kritikern, die sich über den Gegenstand seiner Betrachtung bereits geäußert haben. Derartige Auseinandersetzungen, die sehr nützlich sein können und in vielen Fällen notwendig sind, beschränken sich jedoch hierzulande meist auf Seitenhiebe und Anspielungen, die lediglich von wenigen Eingeweihten wahrgenommen werden.

Denn zu offenen Diskussionen mit den Kollegen fehlt manchen Kritikern der Mut oder die polemische Ader oder – da die Redakteure mit Zeilen geizen müssen – der Raum. Es gibt auch Rezensenten, die zu glauben scheinen, es mangle ihnen an ebenbürtigen Gesprächspartnern. Wie dem auch sei: da Kritiken von Bedeutung geschrieben werden, um die Literatur zu verteidigen und ihr Dasein zu ermöglichen, ist es dem Endziel der kritischen Bemühungen abträglich, wenn die Rezensenten sich gegenseitig ignorieren oder zumindest diesen Eindruck erwecken.

Allerdings macht sich in den wenigen Ansätzen zu solchen Diskussionen, die mir so wünschenswert erscheinen, ein Erzübel bemerkbar: Der Kritiker polemisiert gegen Rezensenten oder Blätter, die er nicht nennt, und unterstellt ihnen wenig seriöse Ansichten, die sie zwar nie geäußert haben, deren Widerlegung jedoch eine Kleinigkeit ist. Er kämpft also mit einem anonymen Gegner, den er sich selber präpariert hat. Diese seit Jahrtausenden auf allen Gebieten der öffentlichen Auseinandersetzung erprobte Methode hat für den, der sich ihrer bedient, einen schätzenswerten Vorzug: Da die Identifizierung des Angegriffenen in den meisten Fällen schwer oder gar unmöglich gemacht wird, ist es in der Regel auch schwer, die Unredlichkeit unzweifelhaft nachzuweisen.

Ein geradezu klassisches Beispiel dieser nicht immer harmlosen Methode verdanken wir neuerdings Rudolf Krämer-Badoni, der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 6. Januar 1962 Heinz von Cramers Prosaband „Die Konzessionen des Himmels“ besprochen hat. Der Rezensent lehnt das Buch entschieden ab: „Es gehört wahrhaftig eine geniale Unfähigkeit dazu, ein halbes Tausend Seiten völlig zu verpatzen.“

Die Heftigkeit der Besprechung hat, wie dem Leser mitgeteilt wird, einen besonderen Grund: „Über das Buch könnte man in zwei großen Zeitungen jubelnde Rezensionen lesen, woraus... auf die immerwährende Parteilichkeit der landläufigen Kritik geschlossen werden muß.“ Eine Feststellung also, aus der ein sehr ernster Vorwurf abgeleitet, wird.

Warum nennt Krämer-Badoni die „großen Zeitungen“ nicht? Weil er die zwei „jubelnden Rezensionen“ erfunden hat.