Von Robert Jungk

Ein schmaler Band von 75 Druckseiten, der meines Wissens von der Öffentlichkeit bisher kaum beachtet wurde, hat mir mehr Anregung geschenkt als irgendein anderes Buch in den letzten Wochen und Monaten. Dieser Band ist bei Vieweg in Braunschweig erschienen und trägt einen trügerisch farblosen Titel: „Der Mensch und die naturwissenschaftliche Erkenntnis“.

Der Autor dieser Schrift, der Züricher Ordinarius für theoretische Physik, Walter Heitler, wagt darin einen ebenso kühnen wie wichtigen Schritt: Er weist mit einer Fülle von Argumenten die Enge, ja genau genommen die „Unwissenschaftlichkeit“ des heutigen wissenschaftlichen Weltbildes auf. Dabei unternimmt es Heitler nun keineswegs – wie manche andere Kritiker der Schulwissenschaften – die großartigen Errungenschaften der bisherigen naturwissenschaftlichen Forschung zu leugnen. Er zeigt vielmehr mit zwingender Logik, daß die Wissenschaft durch einseitige Überbewertung des Quantitativen und des Kausalen auf einen Holzweg geraten ist, daß sie einen einzigen Aspekt der Welt, nämlich den seit Newton in den Naturwissenschaften vorherrschenden, verabsolutiert hat.

Der Mensch, das Lebendige, ja selbst einige in der Kernphysik und der Kosmologie evident gewordenen Naturphänome lassen sich nicht mehr aus der kausaldeterministischen Gesetzmäßigkeit heraus erklären. Dennoch wird bewußt oder unbewußt an dieser seit dem siebzehnten Jahrhundert zu einer Art Dogma erhobenen Anschauungsweise festgehalten. Ja – so warnt der Verfasser – „der quantitative Aspekt dringt in Sphären ein, in die er nicht gehört, und möchte sich als das einzige, was wissenschaftlich ist, ausgeben.“

Bedeutend scheint mir die Schrift des Zürcher Gelehrten nicht nur deshalb zu sein, weil sie den Glauben an eine nur kausal erklärbare, mechanistisch ablaufende Welt als einen dem Hexenwahn des Mittelalters vergleichbaren Aberglauben entlarvt, sondern vor allem auch deshalb, weil sie der Forschung Ausblicke auf bisher von ihr nicht erfaßte Möglichkeiten eröffnet. Bisher, so formuliert es Heitler in einem sehr einleuchtenden Bild, haben wir die Welt nur in einer Projektion auf eine kausal-quantitative Ebene erfahren, „wie etwa eine Photographie eine Projektion der dreidimensionalen Landschaft auf eine Papierebene ist“.

Heitler schreibt: „Offenbar bestehen Räume, die wissenschaftlich bis jetzt kaum oder gar nicht betreten sind. In diesen Räumen muß alles vorkommen, was nicht quantitativ ist, also die Farbqualitäten, der Ton, der Geruch. Es muß auch alles vorkommen, was sich überhaupt auf den Zusammenhang zwischen den physischchemisch materiellen Vorgängen und dem tierischen und menschlichen Innenleben bezieht – und vieles mehr. Wir können uns nicht rühmen, über diese Dinge schon irgend etwas Wesentliches zu wissen.“

Der Impuls, der den Autor veranlaßt hat, sich aus dem sicheren Gehäuse der anerkannten Wissenschaftsdogmatik hinauszubegeben, ist aber nicht nur erkenntnistheoretischer Natur. Heitler beobachtet mit Sorge die Entfremdung des Wissenschaftlichen Weltbildes vom Leben und vor allem vom Menschen, „Brauchen wir uns da zu wundern“, fragt er, „daß viele der Anwendungen der Wissenschaft sich als ausgesprochen unfreundlich dem Leben gegenüber erweisen?“