Der spontane Abbruch des gesamtdeutschen Sportbetriebes als Antwort auf die Zerreißung Berlins wurde besonders in Kreisen, die außerhalb des Sportes stehen, sehr gelobt. Im Lager des Sportes wollen aber die Stimmen nicht verstummen, die meinen, dies sei nicht der Weisheit letzter Schluß gewesen. Ob man auf eine solche Ungeheuerlichkeit emotional oder mit der Ratio reagieren und handeln soll, läßt sich kaum eindeutig entscheiden. Darüber besteht aber kein Zweifel, daß die in Sowjetrußland geschulten obersten Sportfunktionäre der Zone es zumindest bei einigen internationalen Verbänden verstanden haben, die Fachverbände der Bundesrepublik in Mißkredit, zu bringen. Der Hinweis, der Deutsche Sportbund habe hier die Politik über den Sport gestellt, verfehlte offenbar nicht seine Wirkung.

Wenn auch bei uns mittlerweile jeder weiß, daß der Sport in der „DDR“ ein reines Instrument der kommunistischen Politik ist, so scheinen dies manche Funktionäre der internationalen Verbände nicht zu wissen oder einfach nicht wissen zu wollen. Die kurzfristige Absage der Ost-West-Besprechungen unter neutraler Assistenz über die Ausscheidung und Aufstellung der gesamtdeutschen Mannschaft für die Leichtathletik-Europa-Meisterschaften in Belgrad, die in der Schweiz stattfinden sollten, durch den Generalsekretär des Internationalen Leichtathletik-Verbandes ist ein Affront für den Deutschen Leichtathletik-Verband.

Man kann sich kaum vorstellen, daß der Herr und Meister des Generalsekretärs, der Marquess of Exeter, der als Lord Burghley einst Olympiasieger im 400-m-Hürdenlauf wurde, mit dieser Brüskierung nicht einverstanden gewesen sein sollte. Der Marquess steht schon seit längerem nichtgerade im Ruf der Deutschfreundlichkeit.

Im internationalen Eishockey hat ebenfalls ein englischer Funktionär, der Präsident des Europäischen Verbandes, eine drastische Maßnahme gegen die Mannschaft der Bundesrepublik angekündigt, falls sie bei den Weltmeisterschaften in Colorado-Springs, USA, die „Farben“ – lies Spalterflagge – des Zonenteams nicht grüßen und respektieren würde. Aber vielleicht wird der ehrenwerte Gentleman keine Gelegenheit finden, seiner Abneigung gegen die NATO-Verbündeten seines Landes die Zügel schießen zu lassen. Die „DDR“-Mannschaft hat nämlich bisher noch keine Einreisegenehmigung vom US-Außenamt erhalten, da die „DDR“ als Staat von den USA nicht anerkannt wird. (Solche Hilfsstellung wird aber selten sein, sie ist schon gar nicht in Belgrad und auch nicht in London zu erwarten.) Mitunter ist hierzulande die Ansicht zu hören, die Sportler der Bundesrepublik sollten konsequent jeden gemeinsamen Start mit den Zonensportlern, auch bei großen internationalen Veranstaltungen, meiden. Dies würde aber mit großer Wahrscheinlichkeit zur Isolierung der Bundesrepublik führen. Im Sport hat die Hallstein-Doktrin keine guten Chancen.

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