Die Hohe Schule des Fußballspiels

Von Jürgen Werner

Chile wird im Juni das Mekka aller Fußballpilger sein. Ungefähr drei Wochen lang werden sich die 16 besten Fußball-Nationalteams der Welt im Kampf um den Pokal Jules Rimets und um die Medaillen, die äußeren Insignien der Weltmeisterwürde, gegenüberstehen.

In Chile überhaupt dabeisein zu dürfen, bedeutet schon die Zugehörigkeit zur „Haute volée“ des internationalen Fußballs. Renommierte Mannschaften wie der Vizeweltmeister von 1953, Schweden, und der Dritte, Frankreich, haben sich nicht qualifizieren können und schon in diesen Vorstadium erfahren müssen, daß nichts vergänglicher ist, als eine sportliche Höchstleistung, und nichts schwieriger, als sie zu konservieren.

Der Austragungsmodus dieser Qualifikationsspiele in den einzelnen Gruppen, jeder gegen jeden im Hin- und Rückspiel, also einmal zu Hause, einmal beim Gegner, hatte schon die harten Bedingungen und Anforderungen, die eine Weltmeisterschaft an die Mannschaften stellen wird, erkennen lassen und aufgezeigt, was es heißt, sich auch nur den Zugang zu den letzten 16 zu verschaffen, geschweige denn, sich in diesem illustren Kreis zu behaupten.

Drei Schlagworte bilden den Kern all dessen, was man heute unter dem Begriff „Tempo- und Erfolgsfußball“ zusammenfaßt: Taktik, Tempo und Technik. Im Laufe der Jahrzehnte wechselte die Vorstellung sowohl von dem, was man darunter verstand, als auch von ihrer Bedeutung für die Anwendung in der Praxis.

Taktik, heute ein Zauberwort und eine conditio sine qua non, war in den zwanziger Jahrei und noch zu Beginn der dreißiger Jahre kaum dem Wort nach bekannt. Sepp Herberger, heute in aller Welt als der große Magier der Taktik berühmt und gefürchtet, erzählt gern, dabei verschmitzt lächelnd, nach welcher „taktischen Anweisung“ er selbst noch spielte. Sie hieß: „Spiel? Sie nur los“, und damit war er aufs Fußballfeld entlassen. Heute liest man in Presseberichten von „taktischen Konzepten“, „geistigen Konzeptionen“ und „aufgegangenen Kalkulationen“ und ähnlichen so tiefschürfenden Analysen. Sicher, es gibt Besprechungen vor dem Spiel und die sogenannte „Standpauke“ in der Halbzeit, bei der aber doch nur prinzipielle Richtlinien, d. h. der Rahmen festgelegt werden. Wie dieser dann ausgefüllt wird, hängt ganz vom Spielverlauf und von all den Unwägbarkeiten ab, wie der „Form“ der einzelnen Spieler, der Form des Gegners, dann von psychologischen Faktoren wie schnell erzielten Toren, sofort gelungenen Spielzügen oder auch der Reaktion des Publikums. Eine „Sandkastenstrategie“, die alles bis in die Details vorher durchspielt, wäre aber sinnlos und gibt es nicht.