Wirtschaftswunder mit blinden Flecken – Janusköpfiges Japan (II)

Von Theo Sommer

Tokio, Ende 1961

Zwischen der britischen Kronkolonie Hongkong und der japanischen Hauptinsel Honshu liegen zweitausend Kilometer Finsternis. Ein Meer von Schwärze, bis nach zwei Stunden Nachtflug eine imposante Lichterkette großer Städte aufleuchtet –der Goldsaum des asiatischen Bettelmantels. Noch eine Stunde mit dem Düsenclipper, dann tritt wie ein funkelndes Sternbild Groß-Tokio aus der Nacht: Hafenbecken, Ölraffinerien, Geschäftszentren, Vergnügungsviertel, die Lichtfühler von zigtausend Automobilen, Neonkaskaden an den Häuserfronten, ein farbenwirbelnder Tanz der Reklamezeichen.

Bei Tag wirkt die japanische Metropole prosaischer. Dann dominieren das Grau der Bürosilos und das Braun der kleinen zweigeschossigen Wohnhäuser, öde erstreckt sich die Stadtlandschaft von Yokohama bis weit nach Norden und Osten, selten nur von grünen Farbtupfen belebt. Plätze oder schöne Boulevards, die harmonischen Horizontalen der europäischen Städte, kennt Tokio nicht, auch nicht die kühnen Vertikalen der amerikanischen Cities. Doch so prosaisch die Kolossalstadt auch ist, so trist sie dem erscheinen mag, der sich auf die Suche nach augenfälliger urbaner Ästhetik begibt, so imposant ist sie doch für jeden, der aus den unterentwickelten Gebieten der Erde kommt und hier auf asiatischem Boden vom Atem westlicher Technik, westlicher Zivilisation – ja, Westlichen Wohlstandes angeweht wird.

Der Ansturm des Neuen

Gewiß, diese westliche Zivilisation hat einen exotischen Hauch; auch in dieser Beziehung ist Japan ein Land mit zwei Gesichtern. Noch lebt das Morgenland in den Tempeln und Schreinen, in den ländlichen Gegenden, in der Anmut der Täler und Berge der wunderschönen Inseln und in mancherlei Sitten ihrer Bewohner. Aber die beherrschenden Züge im Antlitz des modernen Japans sind abendländischer Herkunft: Nippon ist das einzige nicht-weiße Land der Erde, das sich die westliche Technik völlig angeeignet hat.