Von Peter Hemmerich

„Das heutige deutsche Hochschulwesen zeigt so viele Schwächen, daß es leicht ist, diese zu kritisieren und zu benennen. Schwerer ist es schon, praktische Vorschläge zu machen, die einige Aussicht auf Realisierung haben“, so schrieb der Münchner Anglist Wolf gang Clemen kürzlich am Ende eines Diskussionsbeitrages in der ZEIT (Nr. 49 und 50/61). Eine der schwächsten Stellen des deutschen Hochschulwesens ist zweifellos die Frage des wissenschaftlichen Nachwuchses – Wolfgang lernen hat dazu allerlei gesagt. Was aber für die Anglistik und einige andere „Massenfächer“ gelten mag, daß nämlich die Nachwuchs-Substanz einfach fehle, kann für Fächer wie die Medizin oder die Naturwissenschaften nur in einigen besonderen Fällen gelten. Aber selbst, wenn man den Nachwuchsmangel als gegeben annimmt, so bleibt doch ein Odium, mit welcher Genugtuung man sich allenthalben darauf beruft. Wie, wenn dieser Mangel auch aus dem Mangel an lebendigem Vorbild hervorginge? Praktische Vorschläge, wie ihm abzuhelfen sei, wurden jedenfalls vom Wissenschaftsrat vorgelegt, ihre Verbindlichkeit – zumindest als Leitlinie – wird von niemandem bestritten. Helmut Coing, Ordinarius für Römisches Recht an der Universität Frankfurt, welcher dem Wissenschaftsrat in den ersten drei Jahren seines Bestehens vorstand, hat der ZEIT einige der meistdiskutierten Punkte aus den Empfehlungen des Wissenschaftsrats zusammenfassend erläutert. Dazu gehört vor allem die Planung des sogenannten „Personellen Mittelbaus“ der Hochschule.

COING: Unter dem – sprachlich unschönen – Begriff „Personeller Mittelbau“ werden in der Diskussion um die Hochschulreform Kräfte zusammengefaßt, die sehr verschiedene Funktionen im Lehr- und Forschungsbetrieb der Hochschule einnehmen. Ich möchte im folgenden zunächst von den Stellen sprechen, die für voll ausgewiesene, habilitierte Wissenschaftler gedacht sind: den „Wissenschaftlichen Räten“ und den „Abteilungsvorstehern“. Wir müssen zunächst unterscheiden zwischen Forschungs- und Lehraufträgen, die an die Person, und solchen, die an die Sache gebunden sind. Die persönlich gebundene Stelle eines Wissenschaftlichen Rats unterliegt keiner speziellen Bindung an eine Fakultät („Fliegende Stelle“). Über die Zweckbestimmung einer solchen Stelle eines Wissenschaftlichen Rats muß, so oft sie frei wird, neu entschieden werden im Senat auf Antrag einer Fakultät, die diese Stelle besetzen möchte. Die gleiche Stelle kann bei der nächsten Vergabe in eine andere Fakultät wandern. Eines der wichtigsten Ziele dieser Planung ist, auf diesen Stellen vor allem solche Wissenschaftler anzusiedeln, welche sich im Grenzbereich der administrativ schon anerkannten Fachgebiete, ja auch Fakultäten bewegen.

HEMMERICH: Dabei müssen dann aber sehr oft Risiken übernommen werden.

COING: Richtig, und dies bewußt: sehr oft weiß man nicht, ob aus einer solchen Sache etwas wird. Man kann daher daraus nicht gleich einen Lehrstuhl machen.

H.: Gewiß, solange man daran festhält, daß man einen einmal etablierten Lehrstuhl nicht mehr kassieren will.

COING: Nein, das ist sehr schwierig. Ein Lehrstuhl soll an sich nur eingerichtet sein für Fächer, die dauernd in Forschung und Lehre vorhanden sind. Die Ratsstellen aber sollen der wissenschaftlichen Planung eine gewisse Flexibilität geben. Dies gehört auf eine Linie mit einem zweiten Vorschlag, den wir gemacht haben: Er betrifft die sogenannten „Forschungseinheiten“, eine Organisationsform, für die uns eine englische Einrichtung, die „units“, als Vorbild dienten. Es handelt sich dabei um folgendes: Es wird zum Beispiel ein bestimmter neuer Problemkreis aktuell, sagen wir einmal im Grenzgebiet Medizin – Chemie. Man weiß aber nicht, ob es eine dauernde Fragestellung ist. Andererseits genügt es nicht, daß man einem einzelnen Mann einmal einen Forschungsauftrag dafür gibt. Die Engländer stellen dann ein Team auf: ein verantwortlicher Leiter mit einem Mitarbeiterstab und dem nötigen Hilfspersonal. Diese „mit“ wird personell und nach Sachmitteln zentral finanziert, aus zentralen Fonds. Die Universität stellt nur Raum zur Verfügung, Heizung, Installation und so weiter. Die Personalbeschaffung übernimmt ebenfalls die Zentralstelle. Die Mitarbeiter werden fest angestellt mit festen Verträgen, und in fünf bis zehn Jahren wird man sehen, ob man für diese Untersuchungen ein Dauerinstitut braucht; wenn ja, dann übernimmt es die betreffende Universität. Oder aber es geht wieder ein. So kann die Forschung beweglich bleiben.