Dies ist ein Lorbeerkranz für einen großen und leidenschaftlichen Koch

Es war im 17. Jahrhundert, unter Ludwig dem XIV., Roi Soleil, und noch ging es hoch her in Frankreich. Rauschende Feste, Jagden, üppige Diners, Spiele sowohl um Liebe wie für Glück, Feldzüge, Eroberungen, verlorene Schlachten, Intrigen ohne Ende, Verfolgung der Hugenotten, Frankreichs letzte große Zeit.

Da lebte eine Madame de Sévigné, geborene Marie de Rabutin. Frühzeitig Witwe geworden, war sie die eifrigste Briefschreiberin ihrer Zeit. Der Inhalt dieser Briefe ist eine seltsame Mischung von Klatsch, brillanten Darstellungen und persönlichen Geständnissen, die zur Anwendung moderner Psychologie herausfordern. Ich wollte sie schon lange einmal lesen und nahm mir nun den ersten Band vor. 1198 Seiten.

Bin ich von einer Lektüre auch noch so fasziniert, so springt mir trotzdem stets – wie dem Fuchs der Hase – eine Geschichte ins Auge, bei welcher vom Essen die Rede ist. Man nennt das deformation professionnelle. Bei diesem Buch ist es Vatel gewesen; er war Koch bei Fouquet, des Königs Finanzminister, und war auch sonst noch bei allerhöchsten Herrschaften in Küchendiensten. Im April 1671 hatte Vatel die Aufgabe übernommen, in Chantilly für die königlichen Gäste die Mahlzeiten zu organisieren.

Schon am Abend, beim Souper, hatte sich Vatel furchtbar aufgeregt, weil an zwei Tischen der Braten fehlte. Sei es, daß nicht genügend vorhanden war oder daß die Domestiken versagten. Es bleibt unklar. Er klagt Monsieur de Gourville, dem Sekretär des Herzogs de La Rochefoucauld, sein Leid. „Monsieur“, ruft Vatel, „ich verliere den Kopf, zwölf Nächte habe ich nicht geschlafen.“ De Gourville tröstet ihn, halb spottend, halb ernst, und sagt, daß der König sehr zufrieden gewesen sei.

In der Nacht war der Himmel voller Wolken, auch regnete es, so daß das Feuerwerk glanzlos verendete. Vatel irrte mutterseelenallein im Schloß umher, und um vier Uhr morgens traf endlich einer seiner Lieferanten ein, um ihm lediglich zwei Körbe Fische zu bringen. (Vielleicht sind es Turbots gewesen, bei Mme. de Sévigné heißt es „marées“.) Vatel sagte: „Ist das alles?“ Der Mann antwortete, mehr sei nicht gefangen worden. Verzweifelt wartete Vatel bis acht Uhr morgens, denn er hatte noch mehreren anderen Fischern Aufträge gegeben. Doch niemand kam.

Vatel trifft de Courville und sagt: „Monsieur, diesen Affront überlebe ich nicht“, aber de Courville lacht ihn aus. Vatel geht in sein Zimmer und schließt sich ein. Dann stemmt er – tränenüberströmt – seinen Degen gegen die Tür und rennt sich die Spitze in sein Herz. Dreimal muß er – wohl mit dem Mut der Verzweiflung – diese Tat wiederholen, bis er tot zusammenbricht.