Von Peter Mörser

Hunderttausend Jahre oder dreitausend Generationen lang hat sich der Mensch vom Wild ernährt; die Jagd war wesentlicher Inhalt seines Lebens. Sie hat seine Vorstellungen vom Diesseits und Jenseits geformt und die Ordnung der menschlichen Gesellschaft mitbestimmt. Später, nachdem der Mensch längst zum Pflanzer geworden war, wurde das Jagen zum Privileg höherer Stände – und es wird auch heute nur noch von wenigen ausgeübt. „Man jagt nicht, um zu töten, sondern umgekehrt, man tötet, um gejagt zu haben“ (Ortega y Gasset). Für die Befriedigung des Jagdtriebes ist der Weg so wichtig wie das Ziel. Aufsuchen, nachstellen, erlegen, fangen jagdbarer Tiere erfolgt nach Regeln des Jagdrechts und des Jagdgebrauchs. Ebenso die Wildhege; die Jagd- und Schonzeiten des Wildes sind gesetzlich bestimmt. Aber selbst in Deutschland, wo die Hege des Wildes vorbildlich war, werden die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze nicht mehr eingehalten. Nicht nur durch die Umwandlung der mitteleuropäischen Kulturlandschaft in Industriesteppe, sondern vor allem durch die soziale Umschichtung der Jägerschaft sind starke Veränderungen eingetreten. Die Jagdmoral ist zerfallen, Passionswilderei gilt als Kavaliersdelikt. Die Hebung des „Wilderer-Sozialprestiges“ auf Kosten etwa des Berufsjägertums wird nicht nur durch landfremde Jagdherren, die Hunderte von Kilometern entfernt von ihrem Jagdrevier leben und den ortsansässigen Wilderern die Jagdregie halb ehrenamtlich überlassen, sondern auch durch die öffentliche Meinung gefördert.

Ganz schlimm wird es, wenn ein „stiller Teilhaber“ zum Strohmann eines Jagdherrn aufrückt, weil dieser selbst nicht pachtfähig ist. „Nicht pachtfähig“ – das sind laut Gesetz vor allem die Jungjäger mit weniger als dreijähriger Praxis. Früher nun waren diese durchweg wirklich jung an Jahren und kamen mangels Kapitals sowieso nicht auf die Idee, sich Reviere zu pachten. Heute aber pflegt sich der Drang zur Jagd weitgehend nach Maßgabe der Geschäftsbilanz einzustellen. Die Jägerschaft rekrutiert sich sowohl aus jenen, denen der Doktor „was fürs Herz“ zu tun aufgab, wie aus solchen, die nach dem dickeren Wagen auch noch ein dickeres Hobby als ihr Nachbar vorweisen wollen. Diese Neuzugänge werden zwar von der Jagdbehörde unter Druck gesetzt dadurch, daß man ihnen einen ausgestopften Kuckuck von einem gleichfalls präparierten Sperber zu unterscheiden aufgibt: Eine harte Maßnahme vor allem angesichts der Gewißheit, daß kaum einer jener Kandidaten solche Vögel je anders als ausgestopft zu Gesicht bekommen wird – mangels Beobachtungsgabe. Jagdeignung läßt sich aber nicht anerziehen in Kursen: Was man nicht an Instinkt mitbringt (und der moderne Mensch bringt davon immer weniger mit), das erwirbt man nur in jahrelanger Übung. Man sollte – so finde ich – heute nur Leute zur Jägerprüfung zulassen, die fünf bis zehn Jahre Praxis als Treiber, Obertreiber, Gewehrputzer, Pürschsteigfeger, Wildzähler, Hundeführer und Fährtenspürer nachweisen können. Mit all diesen „Freizeitgestaltungen“ kann man im Alter von zehn Jahren unter kundiger Anleitung beginnen, und man wird dabei nie auf dumme Gedanken kommen. Nur so wird man beizeiten die Illusion los, Jagd bestünde daraus, daß man den bewußten Finger „krumm macht“.

Jagd ist vielmehr einer der letzten, intensivsten Bezüge zur belebten Natur, die uns verbleiben. Welche blieben denn: Reisen hat. nicht immer mit Natur zu tun, Wandern und Fischen sind nicht mehr populär, Segeln geht noch, dazu Klettern und Skilaufen: Aber wer kann das schon daheim? Der moderne Schön-Wetter-Mensch, der die Natur nur durch die Windschutzscheibe oder im Kino wahrnimmt, ist durchweg jagduntauglich. Er hat zum Tier ein Panoptikumverhältnis, was sich nicht einmal zuallererst aufs Wild, sondern auf den zur Jagd unentbehrlichen Hund auswirkt.

Am schlimmsten versagt der „moderne Jäger“ nicht als Heger, auch nicht als Schütze, sondern vielmehr als Hundeführer. Allen Bemühungen der Züchter zum Trotz steht die Darstellung des „modernen Gebrauchshundes“ noch immer aus. Der moderne Jäger wünscht sich einen Einheitshund aus verschiedenen Rassen mit folgenden Eigenschaften: Am 16. Mai mit der Bockjagd beginnt der Hund als rucksackreiner, totverbellender Rauhhaarteckel, der nur durch Radioaktivität von der Schweißfährte abzubringen ist. Pünktlich am 1. September schwillt der Dackel auf zum Vorstehhund, der auch „mit dem Wind“ vorsteht und an jeglichem Wild demonstrativ desinteressiert ist – mit Ausnahme der Feldhühner und Wasservögel natürlich. Vom 1. oder 15. Oktober an dehnt dieser Hund sein Interesse spontan auch auf Fasanen und Hasen aus, während ihn Feldhühner nach dem 1. Dezember wieder kaltlassen. Dann schrumpft, er wieder etwas, um sich auch stacheldraht-durchwobenen Schlehdornhecken gewachsen zeigen zu können. Mitte Dezember hat er das Aussehen eines bretonischen Setters, mit weißen Haarflecken, so daß er im Waldtreiben höchstens als Albinofuchs mit Schrot Nr. 3 belegt wird, wogegen er „fest“ ist (Kollegen ohne den weißen Fleck kommen zu oft als Keiler zur Strecke). Am 15. Januar hingegen stellt sich der Gebrauchshund als mannscharfer Fox-Terrier dar, dessen bloßes Gähnen vor Malepartus auch den schläfrigsten Dachs zur Hintertür hinaustreibt ins Schneegestöber. Zwischen 1. März und 15. Mai schließlich ist der Treue ganz Liebling der Hausfrau, in Form eines ausstellungsreifen Pudels von gänzlich vegetarischer Lebensart. Wie schwerwiegend sich gerade dies kleine, aber unvermeidliche Zugeständnis an die Menschlichkeit im Jägerherzen auswirkt, weiß nur der, welcher einen einstmals hochprämiierten Stöberhund nach einigen Monaten des Pudeldaseins wieder zur Jagd „aufzubereiten“ hatte. Und daran scheitert sogar der sonst zu fast allem fähige deutsche Hundezüchter.

Das Hunde-Elend führt einen stracks zum Kern aller Gebrechen der modernen Jagd: Es fehlt nicht an der Liebe, sondern an, der Geduld. Die deutsche Jagd konnte bis heute bestehen, weil sie keine Reizbefriedigung war, sondern ein Ritual – mochten auch beim einzelnen noch so verstiegene Götzen zugrunde liegen, vom Großen Manitu aber Asathor zur Allmutter Natur (all das hat mitunter im christlichen Hubertus nur einen sehr oberflächlichen Firnis). Dennoch hat die Intensität dieses Rituals immer alle gesellschaftlichen Bezüge gesprengt, wobei man nicht gleich die Lady Chatterley bemühen muß: Im Gegenteil, die Männerbünde der Jägerschaft leiden eher an erotischer Stauung, die sich höchstens einmal in Ganghofer-Explosionen löst. Das Unverhältnis des in seiner Jäger-Eigenschaft fixierten Mannes dem Weibe gegenüber wurde stets ausgeglichen durch das Unverhältnis der Frau (und siehe da, auch der emanzipierten Frau!) zur Jagd. An diesen Grundfesten rüttelt die moderne Soziologie: Der Mann ist im Beruf meist seiner Familie so fern, daß er keine familienferne, von Amor boykottierte Freizeit-Sphäre wünscht oder konzediert bekommt. Da werden denn die zarten Geschöpfe der Boutique in der neuesten Lederweste auf Hochsitze mitgeschleift. Und wenn dann noch nach Dämmerung der Kauz schaurig lautlos niederstößt auf das neueste Pariser Jagdhütchen der Gefährtin, da bleibt man beim nächstenmal lieber im Auto. Und späterhin bleibt „sie“ vor dem Fernseher (der Förster vom Silberwald hat besseren Anlauf!), während „er“ mal schnell jagen geht.

Und Bello kriegt als Ersatz ein Kirschpraliné.