In unserem letzten Gespräch unterhielten wir uns, meine verehrten Leser, über die Möglichkeiten, die „richtigen“ Börsenkurse auszurechnen. Ich versuchte Ihnen zu erläutern, daß es dafür keine Methode gibt und auch keine geben kann, selbst wenn man über ein Unternehmen alle Informationen erhält, die man sich nur wünschen kann. Denn die Kurse werden ja nicht nur vom Ertrag, von den Dividenden, von den Zukunftsaussichten oder von irgendwelchen Sonderfaktoren gemacht, sondern darüber hinaus auch von Konjunktur und Politik beeinflußt. Mit der Forderung nach mehr Publizität ist noch keineswegs der Grundstein für eine erfolgreiche Kapitalanlage gelegt. Allerdings engt eine gute und offene Publizität mögliche Fehlerquellen bei der Anlage von Ersparnissen ein – aber auch nur dann, wenn man von der Publizität richtigen Gebrauch zu machen versteht. Schöne Bilder in den Geschäftsberichten sind recht erbaulich, aber für die Beurteilung, ob man Aktien kaufen oder verkaufen soll, völlig ohne Belang.

Ein wichtiges Kriterium für die Beurteilung einer Gesellschaft ist ihre tatsächliche Ertragskraft, die nicht nur in der Dividende zum Ausdruck kommt, sondern auch das einschließt, was offen und versteckt im Unternehmen selbst verblieben ist. Ich sagte Ihnen in der vergangenen Woche, daß man den tatsächlichen Ertrag in etwa über die Position „Steuern“ ermitteln kann. Bevor ich Ihnen an Hand eines Beispieles, das der Ihnen nun schon bekannte Verfasser des Buches „Hinter gläsernen Bilanzen“, Bernhard Schneideros, erläutert hat, die Faustregeln hierfür bekanntgebe, möchte ich gleich auf einige Einwände eingehen, die Sie mir bestimmt entgegenhalten werden.

Jede Ertragssuche wird über den Haufen geworfen, wenn die in der Gewinn- und Verlustrechnung ausgewiesenen Steuern sich nicht nur auf das jeweilige Geschäftsjahr beziehen. Wer über die Steuern zum Ertrag kommen will, muß sich deshalb vergewissern, daß in der ausgewiesenen Position keine Nachzahlungen enthalten sind (und wenn ja, in welcher Höhe?).

Skeptisch hat man zu sein, wenn die Zuweisungen zu den Rückstellungen das bisher übliche Maß überschreiten und dafür nur eine ungenügende Begründung gegeben werden kann. Dann liegt der Verdacht nahe, daß Gewinne vorübergehend „versteckt“ werden sollen. Eine Betriebsprüfung (des Finanzamtes) kann in einem solchen Falle später unangenehme Überraschungen bringen (hohe Steuernachzahlungen).

Selbst wenn man für einige Jahre rückwirkend bei einer Gesellschaft eine hohe Ertragskraft ermittelt hat, so gibt das keine Gewähr, daß dies auch in Zukunft so sein wird. In der Regel spricht die Wahrscheinlichkeit dafür, aber man wird dennoch von Fall zu Fall zu prüfen haben, ob sich die Verhältnisse bei dem Unternehmen und auf seinem Markte nicht grundlegend geändert haben.

Schneideros betont in seinem Buche (erschienen im Verlag Moderne Industrie, München), daß bei der Ausschaltung ertragsfremder Steuern mit Schätzungen gearbeitet werden muß, ohne daß jedoch anzunehmen wäre, daß hierdurch das Ergebnis der Analyse im erheblichen Maße beeinträchtigt wird. Aber lassen wir ihn jetzt selbst zu Worte kommen:

„Sondern wir also zuerst die Vermögensteuer aus. Dabei sei die Daimler-Bilanz als Beispiel zugrunde gelegt.