München

Jäh und vollkommen unerwartet hat über Neujahr in Bayern der Wahlkampf begonnen. Zwar muß erst im November das Landesparlament frisch beschickt werden, und bayerische Tradition und bayerische Gemächlichkeit verlangen eigentlich auch, daß die rhetorischen Vorbereitungen zu einer Wahl erst wenige Wochen davor einsetzen – dann allerdings mit einer Intensität, die anderswo unbekannt ist.

Doch diesmal gibts eine Ausnahme. Mit Vehemenz verkündete zu Beginn des neuen Jahres ein Mann seine politischen Ziele, dessen Name allein schon in Altbayern, Franken und Schwaben heute noch gleichsam wie ein Paukenschlag wirkt: Ludwig Volkholz, einst Revierförster von Watzlsteg im Bayerischen Wald, unter den Seinen als „Jager-Wiggerl“ populär, 42 Jahre alt, vormals Bundes- und Landtagsabgeordneter der Bayernpartei, nunmehr Bezirksvorsitzender der FDP von Niederbayern, zwischendurch Gefängnisinsasse ohne bürgerliche Ehrenrechte.

Dort, wo der Bayerische Wald am finstersten ist, wo die Leute ein Idiom sprechen, das selbst die Münchner nur schwer verstehen, wurde Ludwig Volkholz 1949 von der Bayernpartei entdeckt und zum Bundestagskandidaten gemacht. Ohne sonderliche Mühe schaffte er 35,4 Prozent aller Stimmen und wurde damit Sieger. Keine zwei Jahre darauf ließ ihm die Mehrheit des Hohen Hauses die Empfehlung zuteil werden, er möge sein Mandat niederlegen. Der „Jäger Wiggerl“ lachte nur.

Dann hob der Bundestag seine Immunität auf, und der Bayerische Landtag, in dem der Revierförster von Watzlsteg ebenfalls einen Sitzplatz hatte, tat dasselbe: Volkholz war in den Verdacht einer Anstiftung – zum Meineid geraten. Es ging um eine der beliebten Sonntagsreden des „Jager Wiggerl“. In den zum Bersten angefüllten Biersälen seines Wahlkreises pfleete Volkholz das zu sagen, „was d’Leit gern hörn mögn“, wobei ihn ein schier unerschöpfliches Repertoire an beleidigenden Vokabeln zugute kam.

Aus einer solchen Volkholz-Versammlung resultierte schließlich eine Unterlassungsklage der CSU – und daraus wieder die Zeugenbeeinflussung durch den „Jager Wiggerl“. Aber kaum war die Anklage gegen Volkholz erhoben, entwich der freiheitsliebende Förster nach Österreich. Er wurde ausgeliefert, nach einigen Schwierigkeiten vor das Landgericht Deggendorf gestellt und zu zehn Monaten Gefängnis nebst mehrjährigem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte, verurteilt.

Mittlerweile war die erste Legislaturperiode des Bundestages um; in die zweite wurde Volkholz nicht mehr gewählt. Aber noch gehörte er dem Bayerischen Landtag an, wenn auch als Fraktionsloser: Seine Partei hatte ihn hinausgeworfen. Ende 1954 schied er auch dort aus. Wir tranken damals ein Bier zusammen und sprachen über die diversen Verfahren, die, ebenfalls auf Grund seiner stürmischen Ansprachen im Bayerischen Wald, seiner noch harrten.