Indonesiens Staatspräsident Achmed Sukarno ist am Montag nur mit knapper Not dem Attentat entgangen, bei dem drei Menschen ums Leben kamen und fünfundzwanzig verletzt wurden. Seinen revolutionären Eifer vermochte der Anschlag, den er den Holländern in die Schuhe schiebt, jedoch nicht zu dämpfen. Kurz danach sprach er im Sportstadion von Macassar auf Süd-Celebes zu Tausenden von Studenten und Schülern: „Wir sind entschlossen, unsere Brüder von den Kolonialisten zu befreien. Wenn die Niederlande dies nicht begreifen, dann wird das indonesische Volk West-Irian angreifen. So Gott will, wird West-Irian noch in diesem Jahr zu Indonesien zurückkehren

Der 61jährige Sukarno reist seit Tagen mit seinem Hofstaat und dem Sowjet-Kosmonauten Titow durch die Ostprovinzen seines Inselreiches und hält Brandreden, in denen er seine Landsleute gegen die Holländer aufputscht. Immer wieder erklärt er, dem es an rhetorischem Geschick und demagogischem Talent noch nie gefehlt hat, daß die Geduld der Indonesier bald erschöpft sei. Immer neue Truppen werden in Ost-Celebes zusammengezogen, und aus Surabaja ist ein Flottenverband in die ostindonesischen Gewässer ausgelaufen. Zu Verhandlungen mit dem Haag ist Sukarno nur unter der Bedingung bereit, daß Indonesiens Souveränitätsrechte auf Westneuguinea von vornherein anerkannt werden.

Um einen Verzicht Hollands auf die von 770 000 Papuas bewohnte Inselhälfte ging es schon 1949, als indonesische Politiker im Haag mit den Niederländern am runden Tisch die Unabhängigkeit ihres Landes aushandelten. Die Niederländer waren damals zunächst bereit, auch diesen Teil ihres ostindischen Kolonialreiches an Indonesien zu übergeben, änderten jedoch ein paar Tage vor Vertragsschluß ihren Sinn und behielten Westneuguinea für sich. Spätere Verhandlungen, die über das Schicksal des Territoriums entscheiden sollten, führten zu keinem Ergebnis, Darauf brach Sukarno 1956 endgültig mit Den Haag. Alles holländische Vermögen wurde beschlagnahmt und die Holländisch-Indonesische Union aufgekündigt.

Viel zu verlieren hätten die Niederlande in dem steinzeitlichen Westneuguinea nicht. Seine Steuerzahler bringen jährlich 120 Millionen Gulden für das aus Bergen, Sümpfen und Urwäldern bestehende Land auf. Die Papuas sind zum größten Teil Analphabeten und werden erst seit kurzem für eine Selbstverwaltung geschult. Die Holländer geben sich nicht so starrköpfig wie Salazar in der Goa-Frage: Im Dezember haben sie der UN einen Plan unterbreitet, der den Papuas die Selbstverwaltung unter UN-Kontrolle und später die Möglichkeit geben soll, zu entscheiden, ob sie selbständig bleiben, sich Sukarnos Indonesien oder dem australischen Teil Neuguineas anschließen wollen.

Aber was kümmern Sukarno schon die Papuas? Der indonesische Staatschef begründet seine Ansprüche sehr einfach damit, daß Indonesien nach der Round-Table-Konferenz im Haag all jene Territorien umfasse, die einst holländischer Kolonialbesitz in Ostindien waren. Doch wäre es, sollte es ihm gelingen, diese Ansprüche durchzusetzen, zweifellos so, daß ein neuer Kolonialismus den alten ablöste: der indonesische den niederländischen.

So scheint der sinnvollste Ausweg aus der Krise der zu sein, das Gebiet von Westneuguinea vorübergehend der UN-Treuhandschaft zu unterstellen. Doch bleibt die Frage offen, ob Sukarno, selbst wenn er sich zu einer solchen Lösung bereit fände, zur Stunde überhaupt noch in der Lage ist, die „Befreiungs“-Wut, die er selber angestachelt hat, wieder einzudämmen. H. K.