Am Steuer werden Fehlleistungen gefährlich

Von Thomas v. Randow

Bis vor einer Woche war ich noch der Meinung, daß die Festsetzung einer Promille-Grenze für den Blutalkohol bei Trunkenheitsdelikten im Straßenverkehr eine Gesetzesüberspannung darstellt. Wo kommen wir hin, so war ich versucht zu schreiben, wenn jeder Kraftfahrer gezwungen werden kann, in das Alco-Röhrchen zu blasen oder gar sich einer Blutentnahme zu unterziehen, auch dann, wenn sein Verhalten im Verkehr zu keinem Verdacht auf eine Alkoholisierung Anlaß gibt! Und außerdem ist 0,8 Promille doch eine lächerlich niedrige Grenze für trinkfeste Bürger – schließlich weiß man ja, was man sich zumuten kann.

Mein Sinneswandel vollzog sich im Gerichtsmedizinischen Institut der Universität Hamburg. Dort hatte man Journalisten, von denen sich einige für trinkfest und sicher alle für sehr gute Autofahrer hielten, zu einem fröhlichen Kolloquium eingeladen. Die Fröhlichkeit war den Getränken zuzuschreiben, die man den Zeitungsleuten bis zur berechneten Grenze von 0,8 Promille Blutalkohol spendierte. Vorher hatte sich jeder einem Reaktions- und Gleichgewichtstest zu unterziehen, und nachher sah man’s dann, was die 0,8 Promille angerichtet hatten: am „Wackelbrett“, das die Schwankungen der Angeheiterten registrierte, an den Fehlern beim Reagieren und vor allem an der Verzögerung beim „Schalten“, die bei allen Beteiligten um 60 Prozent lag.

Wieviel darf man trinken?

Einmütig stellten die so getesteten Journalisten fest, daß 0,8 Promille Alkohol im Blut sich deutlich als Trunkenheit bemerkbar macht. Vielleicht sieht man das nur in einem nüchternen Vorlesungssaal ein, nicht aber in der Umgebung wohliger Beschwingtheit. Erstaunt waren auch die Versuchspersonen über die Menge, die man ihnen bis zur „Stammberger Grenze“ innerhalb einer Stunde zu trinken gab. Mir wurden acht Whiskys gestattet; hätte ich mich an Exportbier gehalten, dann wären es vier Flaschen gewesen. Wieviel man zu sich nehmen muß, um sein Blut mit 0,8 Promille Alkohol anzureichern, wird sich schnell herumsprechen. Hoffentlich spricht sich dann auch herum, daß die Rechnung nicht aufgeht, wenn man am Tag vorher Alkohol getrunken hat, wenn man abgespannt ist oder unter der Einwirkung von Medikamenten steht. Wenn erst die Grenze festgelegt ist, dann wird auch die Berechnungsformel bald in aller Munde sein. Und darin liegt eine große Gefahr. Manch einer wird dadurch erst verleitet, mehr zu trinken, als er es bisher für vertretbar hielt. Die gesetzliche Definition der Trunkenheit ist eben doch sehr problematisch.

Der Alkohol als Unfallursache steht in der Aufstellung des Statistischen Bundesamtes an dritter Stelle. Damit ist noch nicht gesagt, daß er nicht bei anderen Unfallursachen ebenfalls die primäre Rolle gespielt hat. Der Gerichtsmediziner Professor Elbel konnte nachweisen, daß 40 % aller Verkehrstoten relevante Blutalkoholwerte hatten. Die Polizei in Hamburg sagt 26 % der tödlich verunglückten Kraftfahrer. Amerikanische Untersuchungen ergaben, daß etwa 12 % aller Autofahrer Alkohol im Blut aufweisen, bei den Verunglückten hingegen betrug der Prozentsatz 46,6.