Im Osten verhaftet – Was kann der Westen tun?

H. v. K., Berlin

Für die Studenten der Forstlichen Akademie in Hannoversch-Münden fallen seit fünf Wochen die Vorlesungen des Privatdozenten Dr. Röhrig aus. Am 9. Dezember 1961 wurde der 40jährige Ernst Röhrig in Ostberlin Verhaftet. Vier Wochen später, am 8. Januar, meldete die zonale Nachrichtenagentur ADN, daß der westdeutsche Bürger Dr. Röhrig wegen Spionage gegen wissenschaftliche Forschungsergebnisse und Menschenhandels verhaftet worden sei.

Seit zehn Jahren ist Röhrig Mitglied der Forstlichen Fakultät der Göttinger Universität. Sie ist die einzige in der Bundesrepublik und hat ihr mitteldeutsches Pendant in Eberswalde und Tharandt. Die Verbindungen zwischen diesen Fakultäten waren bis vor kurzem noch sehr eng, ihre Dozenten trafen sich oft in gemeinsamen Arbeitsgemeinschaften hüben oder drüben, manchmal auch im Ausland. Man half sich untereinander mit Material für Untersuchungen und tauschte Forschungsergebnisse aus.

Auch Dr. Röhrig pflegte solche Verbindungen, ein dicker Ordner zeugt von seiner Korrespondenz mit Kollegen aus Eberswalde und Tharandt. Viele Jahre schon kannte er den Assistenten am Institut für Waldbau in Eberswalde, Dr. Kilias. Warum also sollte Dr. Röhrig nicht der brieflichen Anregung seines Kollegen folgen und gelegentlich eines Besuchs bei seinen Schwiegereltern in Westberlin zu einem Treffen nach Ostberlin fahren? Man verabredete sich brieflich für Samstag, den 9. Dezember, zwischen 16 und 17 Uhr im Café Budapest auf der Frankfurter Allee.

Das Ehepaar Röhrig bestieg die S-Bahn, und während dann Frau Röhrig Verwandte besuchte, fuhr ihr Mann ins Café Budapest. Dort wurde er zusammen mit Dr. Kilias verhaftet.

Was (wird Dr. Röhrig vorgeworfen? Spionage, Abwerbung, Menschenhandel – Delikte, die unsere Rechtsordnung in der Form, wie sie das zonale Recht behandelt, nicht kennt. Doch abgesehen von der moralischen und der juristischen Grundfrage – ist es denn schon Abwerbung, wenn man einem Kollegen von den Lebensbedingungen in Hannoversch-Münden erzählt? Wenn man fragt, wie es der Frau und den Kindern geht? Wenn man für den Sohn vielleicht Briefmarken mitgebracht hat und für die Tochter Bonbons? Und wenn man, wie es unter alten Kollegen und Freunden üblich ist, versichert: „Du kannst auf mich rechnen, wenn ich dir helfen darf, schreib mir? Ist das eine ‚Verleitung zum Verlassen der DDR“?