Was „Chaos” ist, bestimmt Schnoor

Von Josef Müller-Marein

Der Musikkritiker Dr. Hans Schnoor will offenbar zu jener Gruppe wild um sich schlagender Schriftsteller gehören, die in München einen Verlag gefunden haben. Es sind Autoren, die keinen „vaterlandslosen Gesellen“ leiden können. Man könnte sie „vaterlandsvolle Gesellen“ nennen, doch sei gleich hinzugefügt, daß das Vaterland ziemlich leer von ihnen ist. Hans Schnoor nun schreibt über Musik, und wer Geduld genug hat, kann viele Seiten über das Leben eines geplagten Kritikers lesen, wobei ihm wider Willen einige humoristische Passagen recht gut gelingen, zum Beispiel die Mitteilung, daß Hans Pfitzner das Schaffen Franz Liszts radikal ablehnte, Richard Strauß die Brahmsschen Sinfonien „Hamburger Regenwetter“ nannte, und daß sie gemeinsam gegen Bruckner zu Felde zogen. „Aus Strauß’ Mund hörte man etwas vom Brucknerschen ,Zyklopengestammel’, von Pfitzner noch Respektloseres.“ Und wenn die beiden Meister Strauß und Pfitzner, die Schnoor hoch verehrt, weil sie ihm als die stärksten Stützen deutscher Musik nach Wagner gelten, mit anderen Großen der Musik so grausam umgehen, warum sollte unser Autor mit lebenden Musikern glimpflicher verfahren? Er schimpft also, und das Ganze nennt sich

Hans Schnoor: „Harmonie und Chaos – Musik der Gegenwart“; J. F. Lehmanns Verlag, München; 262 S., 21,– DM.

Wenn aber andere das tun, oder nur geschehen lassen, was die geliebten Strauß und Pfitzner taten, so nennt er das „die Vergangenheit besudeln“. Mit diesen bösen Worten nämlich kreidet Schnoor dem Dirigenten Scherchen an, daß in der einst von ihm herausgegebenen Zeitschrift Melos einmal einer die Musik von Brahms trivial und erschwitzt“ nannte, daß es dort von Reger hieß, er sei „als Mensch gar nicht existent, er wäre vielleicht als Aktiengesellschaft möglich“, und daß Eduard Erdmann, der berühmte Pianist, im Schaffen Debussys „müde Sinnlichkeit“ und „parfümierte Langeweile“ fand. Schreiben andere exaltiertes und kompliziertes Deutsch, so mokiert sich Schnoor und sagt verächtlich: „Stilblüte!“ und „Schmonzette!“. Aber ihm selber rutschen Fragen wie „Kann die Seele Schritt halten?“ aus der Feder. Oder er gesteht: „Heute denke ich über solche Dinge wenn nicht gerade geringschätzig, so doch unerheblich.“ Daß einer von sich selber meint, daß seine Gedanken unerheblich sind, kann in diesem Falle nicht als Beispiel edler Bescheidenheit oder schöner Selbsterkenntnis gerühmt, sondern muß als grammatikaler Unfall beklagt werden.

Soweit sich der Inhalt des Buches auf den Titel bezieht, herrscht da nicht lange Unklarheit: „Harmonie“ ist, was dem Autor gefällt; „Chaos“ aber, was ihm widerlich ist. Warum auch nicht? Haben doch größere Geister, wie wir sahen, nach dem gleichen Rezept gehandelt! Freilich waren sie bemüht, ihre Urteile auch zu begründen. Schnoor macht es sich da einfacher: Er verläßt sich auf seine Gesinnung. Was braucht er da noch Argumente?

Über Jazz: Seine Neuerungen seien „einigermaßen primitive musikalische Narkotika“. Und wenn Ernst Krenek sagte, der Jazz habe „die Kunst der Improvisation wieder zum Leben erweckt“, so kontert Schnoor mit der sprachschönen Bemerkung: „Ein Komponist, der sich schon zu Lebzeiten überlebt sieht, flüchtet in derartige Sophistereien.“ Schnoor rät: „Man soll nicht negerischer als der Neger selbst sein.“ Aber der Siegeszug des, Jazz? Nun, „New Orleans hat tatsächlich Wien geschlafen. Aber zum Tröste: Es ist nur ein sportlicher Sieg; Kräfte des europäischen Abendlandes und des verwandten slawischen Ostens behalten auf die Dauer den Sieg in den Händen, da volkliche Urkräfte noch immer den Firnis der Kolonisation durchbrochen haben!“ Denn Schnoor glaubt an das „abendländische Erbe“: „Zwischen afro-amerikanischem Jazz und Bach, zwischen einem Schimpansentanz und Parsifal sind Schlagbäume gestellt; und die sind vorderhand nicht in Gefahr, eingerissen zu werden.“ – Wie gut, daß es die „volklichen Urkräfte“ gibt! Woher sie wohl kommen?