Es geschah am Ende, vergangener Woche, daß ein Schauspiel zum ersten Male gleichzeitig über drei große deutsche Bühnen ging (in München, in Frankfurt und in Düsseldorf), welches uns Deutsche des Jahres 1962 mehr angeht als irgend etwas, was bisher auf deutschen Bühnen zu sehen war – lieben, vielleicht, der „Zeit der Schuldlosen“ von Siegfried Lenz.

Wer sich Zeitungen vom darauffolgenden Montag angesehen hat, konnte nur schwer den Eindruck gewinnen, daß der 20. Januar 1962 in die deutsche Theatergeschichte eingehen wird. Es war schlimm. Und dort, wo es sich am umfassendsten, tiefstbohrenden, „akademischsten“ gab, war es am schlimmsten.

Wie alles, alles in nebuloses Geschwätz aufgelöst wurde! Erfreulichste Ausnahme: die „Süddeutsche Zeitung“, wo wenigstens der Münchener. Aufführung (durch Dr. Joachim Kaiser) Gerechtigkeit widerfuhr.

Max Frisch versichert in einer einleitenden Bemerkung zu seinem Stück „Andorra“, von dem hier die Rede ist, es sei nicht das wirkliche Andorra gemeint. Als ob irgend jemand den glücklichen Zwergstaat zwischen Spanien und Frankreich jenes rücksichtslosen Antisemitismus verdächtigen, könnte, der eben doch und trotz allen Verharmlosungsversuchen (nur ein „Modellfall“) Hauptthema des Stückes ist! Das historische Modell für „Andorra“ ist Deutschland.

Inhalt des Stückes: Ein Jude wird, stellvertretend, im buchstäblichen Sinne „planmäßig“ von den „Andorranern“ zu Tode gequält. Der Zuschauer erfährt freilich bald: dieser Andri war gar nicht wirklich ein Jude. Manche Kritiker legen erstaunlich viel Gewicht gerade darauf – und können dann abschwirren in abstrakte Betrachtungen darüber, wie verwerflich doch „Vorurteile“ jeder Art seien.

Wir können, wir wollen es niemandem so leicht machen. Das Stück gibt es jetzt. Und wer es auch dann, wenn andere Theater dem Zürcher, Münchener, Frankfurter, Düsseldorfer Beispiel gefolgt sind, nicht selber sehen kann, kann es doch wenigstens lesen (erschienen im Suhrkamp Verlag, zu haben für 7,50 DM).

Vielleicht fällt ihm dann auf, was uns auffiel. Über die Bitte, dies zu bedenken, kann eine Glosse vorerst nicht-hinausgehen: