Für die Afrikaner in Südafrika war die Verleihung des Friedensnobelpreises an Albert Luthuli, den Präsidenten der verbotenen Kongreßpartei, nicht ausschließlich ein Tag der Freude. Die weltweite Anerkennung der moralischen Prinzipien und Methoden ihres politischen Führers erfüllte sie zwar mit Stolz und Genugtuung; aber sie fragten sich: Was soll nun weiter geschehen?

Luthuli hatte in seiner Rede in Oslo gesagt, daß der Kampf gegen die Apartheid mit Mitteln der Gewaltlosigkeit fortgesetzt würde, denn solange Unterdrückung und Diskriminierung der Apartheidpolitik existierten, könne es keinen Frieden in Südafrika geben.

Die Weltöffentlichkeit hat Luthuli für seine friedliche Haltung und kompromißvolle Bereitschaft zur Verständigung gelobt und ihn geehrt. Für uns Afrikaner aber tut sich die Frage auf: Wird die internationale Öffentlichkeit denselben Fehler begehen wie im Falle Nehrus? Wird auch für Luthuli der Augenblick kommen, wo er sich wie Nehru entgegen seiner besseren Oberzeugung in eine Situation gedrängt sieht, aus der es keinen anderen Ausweg mehr gibt als die Anwendung von Gewalt? Als Luthuli aus Oslo in die Union zurückkehrte, erfolgten kurz darauf verschiedene Bombenattentate, begangen von einer noch wenig bekannten, aber wohl gut organisierten afrikanischen Untergrundbewegung.

Luthuli hat in Südafrika trotz seiner seit Jahren immer wieder bewiesenen kooperativen Haltung bis heute nicht einmal das bestehende Apartheidssystem zu ändern vermocht, ganz zu schweigen von irgendwelchen konkreten Ergebnissen zugunsten der Freiheit und Gleichberechtigung von 10 Millionen Afrikanern. Seit dem Entstehen des ANC (African National Congress) im Jahre 1912 hat es bis zum heutigen Tage keine direkte Zusammenkunft und Verhandlung zwischen der Regierung der Weißen und den politischen Führern der Afrikaner gegeben, obwohl es eine unbestrittene Tatsache ist, daß die beiden Rassen aufeinander angewiesen sind. Die südafrikanische Regierung verweigert den Afrikanern jede Möglichkeit zur Aufnahme von Kontakten. Als Vorbedingung fordert sie einfach die völlige Anerkennung der weißen Vorherrschaft, denn das ist der eigentliche Sinn der Apartheidpolitik.

Es gibt die drei Millionen starke weiße Oberschicht, die allein die Regierung bildet, und es gibt die Masse der zehn Millionen politisch rechtlosen schwarzen Unterschicht. Im Wirtschaftsbereich ist die Situation die gleiche: Die gewerkschaftlichen Organisationen der Afrikaner können die Interessen der farbigen Arbeitnehmer nicht vertreten, weil sie nicht anerkannt werden.

Bisher haben die Afrikaner ihre Opposition gegen dieses System in Streiks und Demonstrationen zum Ausdruck gebracht. Es ist das Ziel der afrikanischen Kongreßpartei, einen demokratischen Staat zu errichten, in dem Schwarz und Weiß als gleichberechtigte Bürger zusammen leben können. Luthuli hat in Oslo wiederholt erklärt, daß das Problem Südafrikas nicht im Kampf Schwarz gegen Weiß besteht, sondern in der Kampfansage der Afrikaner an das derzeitige politische System. Die absolute Machtherrschaft einer Minderheit – ganz gleich, wie sie auch beschaffen sein mag – über die Mehrheit, ist ein System, das nirgendwo in der Welt toleriert werden kann.

Es gibt unter den Weißen Südafrikas Kreise, die bereit sind, sich mit den Afrikanern zu verständigen. Im März vorigen Jahres trafen 1500 Delegierte weißer und schwarzer Gruppen und Organisationen in Pietermoritzburg zusammen. Sie kamen aus allen Volksschichten und gehörten den verschiedensten politischen und religiösen Richtungen an. Sie forderten eine Art round table conference, um eine demokratische Verfassung für Südafrika auszuarbeiten. Die Regierung ignorierte diesen Appell, so wie sie alle früheren Appelle, und Forderungen nicht zur Kenntnis genommen hat.