Nagold

Öffentliches Interesse liege nicht vor, zu dieser Ansicht kamen der Kommandeur des 252. Fallschirmjägerbataillons und das Nagolder Amtsgericht über Vorgänge in der Nagolder Eisberg-Kaserne. Und da die Öffentlichkeit zunächst unaufgeklärt blieb, lief das öffentliche Interesse in nichtöffentlichen Bahnen; in Nagold an der Nagold tuschelte man von einer Wildwest-Story, die sich in Bundeswehrkreisen abgespielt habe, und in einer Gastwirtschaft in einem hochgelegenen Schwarzwaldort in der Nähe der Garnison schimpfte ein Elternpaar über die Unbill, die seinem Sohn angetan worden war, und die Zuhörer stimmten ein: „Unerhört!“

„Zu meiner Zeit“, so erzählte einer, „war so etwas einmal bei El Alamein vorgekommen; aber da hatten wir eigentlich alle den Wüstenkoller. Und ein Sonnenstich ist vielleicht mildernder Umstand; aber hier in Nagold...!“

Dies ist die Geschichte, für die kein öffentliches Interesse vorliegt: Der 21 Jahre alte Fallschirmjäger Willi Brenner stand in der Nacht zum 19. Januar zwischen ein und zwei Uhr Posten an einem Munitionsdepot der Eisberg-Kaserne bei Nagold, in der die Bauarbeiten noch im Gange sind. Da ereignet? sich „kein besonderes Vorkommnis“, indem ein Auto über das Gelände rollte und mit Standlicht hielt. Gleichzeitig näherte sich dem Posten eine torkelnde Gestalt und rief ihm zu: „Komm doch mal ’rüber!“

„Komm du her!“ erwiderte Brenner, eingedenk seiner Wachvorschrift – und überdies seinen Postenplatz für strategisch günstiger haltend. In diesem Moment fuhr auch schon das Auto an – auf Brenner zu, und ehe er sich’s recht versah, waren vier Leute aus dem Wagen gestürzt und hingen ihm am Leibe. Er bemerkte: Unbekannte in Trainingsanzügen, Nylonstrumpf überm Gesicht. Brenner, 1,84 Meter groß, kräftig, Tauglichkeitsgrad II, wehrte sich gegen die Übermacht. Die scharf geladene Pistole zu ziehen – dazu kam er nicht mehr. Der Betrunkene hatte sich ihrer bemächtigt und verschwand damit.

Laut um Hilfe rufen konnte der Überrumpelte nicht; einer der vier drückte ihm den Mund zu. In heftigem Kampf auf dem Acker wurde Brenner überwältigt, zum Auto geschleift und in den Kofferraum des Opel-Rekord gesperrt, der über einen noch zaunlosen, unbewachten Weg aus dem Kasernenbereich rollte. „Jetzt geht’s in die Ostzone“, dachte Brenner, der als Freiwilliger gerade seine dreimonatige Grundausbildung in der 5. Kompanie absolviert hatte.

Wie kann man ein Auto als verdächtig markieren? Indem man die Beleuchtung beschädigt, was vielleicht einer nächtlichen Polizeistreife auffällt. In seinem dunklen Gefängnis erwischte Brenner auch richtig ein Rücklichtkabel und riß es heraus. Die Entführer hielten an, fesselten ihr Opfer und fuhren weiter. In einer Nebenstraße – etwa fünf Kilometer von der Kaserne entfernt – holten sie den Mann aus dem Kofferraum, lösten ihm die Handfesseln, und Brenner fand sich auf einer drei bis vier Meter abfallenden Böschung wieder – wie er dahin befördert wurde, müßte noch näher untersucht werden.