Von Rudolf Hartung

Interessanter sind in der Regel die Briefe von Schriftstellern, bei denen zwischen Leben und Werk eine erhebliche Differenz besteht. Wir möchten den Menschen erkennen, der sich hinter dem Gebilde des Romans verbirgt, die geheime private Sphäre, den Ton des alltäglichen Umgangs und die Umstände des Lebens. Als indiskrete Leser möchten wir aufspüren, was uns das Werk von der Persönlichkeit seines Urhebers unterschlägt, als hätten wir ein Anrecht darauf.

Der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe provoziert diese Neugier nur in geringem Maße: wie kaum ein anderer hat er sich unmittelbar in seinen stark autobiographisch gefärbten Romanen dargestellt, in „Schau heimwärts, Engel!“, „Von Zeit und Strom“, in dem nach seinem Tod erschienenen Werk „Es führt kein Weg zurück“. Unter welchen Namen auch immer – die Helden sind Thomas Wolfe ähnlich, ihr Leben ist weithin sein Leben, sogar’ die leiblichen „Dimensionen“ rufen das Bild des Autors auf: ein Riese von 1,95 Meter und annähernd zwei Zentnern Gewicht, ein mißloses Genie in einer Welt von Wichten und ausgestattet mit einem ungeheuren Hunger nach Welt, nach Büchern und Frauen.

Mit großer Seelenruhe, ich muß das gestehen, ließ ich aus diesem Grunde den dickleibigen Band

Thomas Wolfe: „Briefe“, herausgegeben und eingeleitet von Elizabeth Nowell, aus dem Amerikanischen von Susanne Rademacher; Rowohlt Verlag, Reinbek; 624 S., 28,– DM

im Regal stehen. Und mein Eifer wurde auch nicht angefeuert durch die Tatsache, daß noch ein zweiter Briefband dieses Schriftstellers auf mich wartete: die „Briefe an die Mutter“, die uns der Deutsche Taschenbuch Verlag in leicht gekürzter Form wieder zugänglich gemacht hat. Insgesamt gute 900 Seiten – mir war, als sollte ich zu einer Bergbesteigung aufbrechen, zu der ich gar keine Lust hatte.

Nun, nach beendeter Lektüre, fehlen mir zur Charakterisierung des Lese-Abenteuers die Zehntausende von Wörtern – manchmal ist auch von einer Million die Rede –, von denen Thomas Wolfe in seinen Briefen anläßlich der Erörterung seiner literarischen Projekte immer wieder spricht. Ein sprachmächtiges Leben, das auf Hunderten von Seiten mit sich und der Welt ringt hat etwas Betäubendes und zwingt die kritische Reflexion in die Knie; nach einer gewissen Zeitspanne liest man diese Ergüsse, wie man Schnaps trinkt – man verliert den kritischen Abstand, es verschlägt einem die Sprache.