Von Walter Boehlich

Fast ein Jahrtausend zurück in eine uns ferne Zeit, in eine uns unbekannte Kultur führt uns Ibn Hazms „Halsband der Taube“, das von der Liebe und den Liebenden handelt. Es ist geschrieben im Jahre 1022, dem Todesjahr Notkers des Deutschen, durch Raum und Geist so weit von der Sankt Galler Klosterkultur getrennt wie nur irgend möglich.

Von einer deutschen Literatur kann man in dieser Zeit noch kaum sprechen. Was von ihr erhalten ist, interessiert Philologen und Kulturhistoriker, keinen Leser. Es ist Übersetzungsliteratur oder exegetische Literatur in einer Sprache, die für den höheren poetischen Ausdruck erst noch gebildet werden mußte. Nur ein paar lateinische Denkmäler, und unter ihnen vor allem der erstaunliche Ruodlieb, sind ein Versprechen auf Kommendes. Städte und Höfe sind ohne jeden prägenden Einfluß; alle Erziehung, und damit ist Erziehung besonders zur Kultur gemeint, geht von den Klerikern aus. Nur sie schreiben, nur in ihrem Umkreis entsteht Literatur. Noch sind die Deutschen damit beschäftigt, mit Hilfe der Kirche ihre schriftlose Vergangenheit zu überwinden. Alle Erinnerung an germanische Tradition ist mündlich, alle Entwicklung vollzieht sich in der Nachfolge Roms.

Spanien, dessen nachhaltige Romanisierung von den eingedrungenen Germanen nie hat rückgängig gemacht werden können, ist in einer ungleich glücklicheren Lage. Es hat sich durch die Jahrhunderte hindurch eine lebendige lateinische Literatur erhalten und ist dann, im frühen 8. Jahrhundert, von den Arabern erobert worden, die ihre auf die Schrift und schriftliche Überlieferung sich stützende Kultur mitgebracht haben, von der eine unvergleichliche Ausstrahlung ausgegangen ist. Im südlichen Spanien haben lange Zeit fünf Literaturen nebeneinander existiert und sich auf die vielfältigste Weise durchdrungen: die lateinische, die hebräische, die arabische, die der Prosa vorbehaltene kastilische und die der Lyrik vorbehaltene galizische. Daneben hat sich, wie wir jetzt wissen, wohl seit dem 11. Jahrhundert eine weitere volkssprachliche Form herausgebildet, die am Beginn der mittelalterlichen Liebeslyrik steht und offenbar am genauesten den Synkretismus Andalusiens widerspiegelt. Es handelt sich dabei um Vierzeiler in einer spanisch-arabischen Mischsprache.

Die historischen Bedingungen der kulturellen Blüte Andalusiens sind bekannt. Im Kampf um das Kalifat waren die Omaijaden den Abbasiden unterlegen. Einer von ihnen, der junge Abd ar-Rahman, hatte sich nach Spanien gerettet, und dort war es ihm gelungen, sich als Emir von Cordoba 756 die Unabhängigkeit von den arabischen Mutterländern zu erzwingen. Keine zwei Jahrhunderte später ist die kulturelle, politische und militärische Bedeutung des Emirats von Cordoba so groß geworden, daß Bagdad daneben zu verblassen beginnt und Abd ar-Rahman II. den Titel des Kalifen usurpieren kann.

In den folgenden Jahrzehnten findet Cordoba nicht seinesgleichen. In der Palastbibliothek al-Hakams II. sollen sich 400 000 Handschriften befunden haben. Sie waren in 44 Faszikeln zu je hundert Seiten katalogisiert. Ein großer Teil von ihnen ist unter Almansor im Schloßhof von orthodoxen arabischen Inquisitoren zu Beginn des 11. Jahrhunderts verbrannt worden, später haben die marodierenden Berber ihr Teil zum Zerstörungswerk beigetragen, und was sich etwa noch erhalten hatte, wurde nach dem Sieg der Katholischen Könige auf Befehl des großen und wissenschaftsliebenden Kardinals Cisneros fast vollständig vernichtet. Aber in Ibn Hazms Jugend blühten noch Künste und Wissenschaften, blühte auch noch das Omaijadenreich, dessen Verfall und Untergang er selbst miterlebt hat, in dessen wechselvolle Geschichte er und seine Familie eng genug verstrickt waren.

Ibn Hazm ist seiner Herkunft nach kein Araber gewesen. Seine Vorfahren lebten ruhmlos und unauffällig als Christen auf ihrem Erbgut Casa Montija in der Nähe von Huelva. Erst der Großvater fand den Weg nach Córdoba, der Vater begann als kleiner Hofbeamter, bewies aber augenscheinlich ebenso große Wendigkeit wie Zuverlässigkeit, denn obgleich er dem Omaijaden Hischam treu ergeben war, erhob ihn der Usurpator Almansor zu höchsten Würden, machte ihn zu seinem Wesir und vertraute ihm während seiner Abwesenheit sein Siegel an.