hwr, Zirndorf

Drei Monate war ich im Lager. Jetzt haben sie mir gesagt, ich bin kein Flüchtling“, erzählt mir verbittert ein junger Jugoslawe. Mit einer Pappschachtel unter dem Arm und einer alten Mappe in der Hand fuhr er nach Hamburg. Er hat dort Arbeit bekommen und einen Fremdenpaß, der ihn, wenigstens vorläufig, vor der Rückführung nach Jugoslawien schützt. Denn nach dem Spruch der „Bundesdienststelle für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge“ ist er kein politischer Emigrant, sondern nur ein „vor den begrenzten Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten in Jugoslawien Geflüchteter“, ein sogenannte: „Wirtschaftsflüchtling“, wie fast tausend andere Jugoslawen, denen jedes Jalr in Zirndorf, dem Sitz der Dienststelle, die Anerkennung als politischer Flüchtling versagt wird.

Obwohl viele Jugoslawen als Gastarbeiter ins Ausland dürfen – in Süddeutschland allein sind etwa 10 000 beschäftigt – und die legale Auswanderung kaum behindert wird, verlassen viele Jugoslawen immer noch heimlich ihre Heimat und bitten in anderen Ländern um Asyl: Von den mehreren Tausend, die in jedem Jahr aus Jugoslawien fliehen, melden sich monatlich 100 bis 150 im Lager Zirndorf bei Nürnberg-Fürth.

Fast die Hälfte kommt mit einem ordnungsgemäßen Paß, die anderen gehen bei Nacht und Nebel über die Grenze in Richtung Kärnten. An den jugoslawischen Grenzen gibt es weder Todesstreifen noch dichte Stacheldrahtstreifen. Sie sind also leicht passierbar. Die Schwierigkeiten beginnen für sie oft erst hinter der Grenze:

Viele Flüchtlinge müssen sich vor den österreichischen Grenzern ebenso in acht nehmen wie vor den jugoslawischen. Noch 1958 schickte Österreich 60 Prozent der Geflüchteten wieder zurück. Inzwischen entscheiden die österreichischen Behörden allerdings großzügigen 1960 wurden nur noch rund 13 Prozent von den Österreichern an Jugoslawien ausgeliefert, außer Kriminellen meist Jugendliche und Invaliden.

Die Abgewiesenen müssen in Jugoslawien mit einer Strafe von einigen Monaten Gefängnis oder Zwangsarbeit rechnen. In jedem Fall erhalten sie einen Eintrag in ihre Papiere, dir sie zu „Unzuverlässigen“ abstempelt. Daher melden sich viele Flüchtlinge nicht mehr bei den österreichischen Behörden, sondern schlagen sich illegal nach Westdeutschland durch.

Um als politische Flüchtlinge in der Bundesrepublik anerkannt zu werden, müssen die Jugoslawen eine unmittelbare politische ‚ religiöse oder rassische Verfolgung nachweisen kennen. Das aber gelingt in der Regel sur wenigen: rund 70 Prozent wird eine Anerkennung verweigert. Darunter fallen nicht nur die „Wirtschaftsflüchtlinge“. Nach der Genfer Konvention, mit der die Bundesdienststelle in Zirndorf arbeitet, und nach der Asylordnung von 1955 gilt „Unzufriedenheit mit dem Regime“ nicht als ein ausreichender Fluchtgrund. Auch junge Leute, die vor dem Dienst in der Armee flüchten, werden nicht als politische Emigranten anerkannt.