Der sowjetische Wirtschaftsplan ist nur knapp erfüllt worden

Der sowjetische Ministerpräsident Chruschtschow hat ernste Sorgen. Seit einigen Jahren fordert er den Westen zum wirtschaftlichen Wettbewerb heraus, den er in „historisch kurzer Zeit“ für sich entscheiden will. Aber die wirtschaftlichen Erfolge des Jahres 1961 haben diese Hoffnung stark gedämpft. Denn trotz der Planüberfüllung blieben gerade die Hauptträger des sowjetischen Wettbewerbs mit dem Westen, die Grundstoffindustrie, das Transportwesen, die Konsumgüterproduktion und schließlich die Landwirtschaft hinter den gesteckten Planzielen zurück.

Im Wettbewerb mit den USA, die von den Sowjets mit ihrer Pro-Kopf-Produktion ursprünglich schon 1965 überholt werden sollten, sieht die 1961 erzielte Zuwachsrate der sowjetischen Wirtschaft von 9,2 % für die sowjetischen Propagandisten nicht schlecht aus. Sie hat nämlich die in den USA in gleicher Zeit erzielte Zuwachsrate überstiegen. Aber wenn man die sowjetischen statistischen Daten näher untersucht, wird man feststellen, daß die sowjetische Zuwachsrate weitgehend mit Hilfe der wenig wichtigeren Industriezweige erzielt worden ist.

Die ungenügende Planerfüllung in der Eisen- und Stahlerzeugung hat einen ’Rattenschwanz von Schwierigkeiten in den anderen Industriezweigen nach sich gezogen. So wurden zum Beispiel von den vorgesehenen 1266 km Eisenbahnstrecken nur 999 km neu verlegt. Und an Stelle der vorausgeplanten 2064 wurden nur 1860 Eisenbahnkilometer elektrifiziert. Auch auf die Errichtung von neuen Elektrizitätskapazitäten wirkte sich das ungünstig aus. Es waren neue Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von 7,8 Mill. kW vorgesehen, aber es wurden nur solche mit einer Gesamtleistung von 7 Mill. kW errichtet.

Obwohl die Zuwachsrate der chemischen Industrie mit 14 % nur um 0,5 Punkte hinter der festgelegten Planziffer zurückliegt, ist der Produktionsausfall bei den wichtigsten Erzeugnissen wesentlich größer. Die Produktion von synthetischen Fasern und Kunststoffen ist um 12 Punkte niedriger ausgefallen und zeigt einen Zuwachs von 22 %.

Die Schwierigkeiten der sowjetischen Industrie kommen keineswegs überraschend. Schon aus der Gegenüberstellung der Zuwachsraten der Jahre 1959, 1960 und 1961, die mit jeweils 12,5, dann 11,8 und 9,2 % eine sinkende Tendenz zeigen, werden die von Jahr zu Jahr zunehmenden Wachstumsschwierigkeiten deutlich. Auch in Moskau hat man das längst erkannt. Sonst hätte man das sich verlangsamende Tempo durch eine noch stärkere Bevorzugung der Schwerindustrie nicht auszugleichen versucht. Entfielen 1959 von der gesamten Zuwachsrate auf die Gruppe A (die Herstellung von Produktionsmitteln) 12 % und auf die Gruppe B (die Produktion von Konsumgütern) 10,5 %, so sollte 1961 die Gruppe A um 9,5 % und die Gruppe B um 6,9 % ansteigen. In Wirklichkeit wurde bei der Gruppe A eine Steigerung am 10 % erreicht, während sie in Gruppe B auf 6,6 % zurückging.

Erinnert man sich an das im vergangenen Herbst beschlossene Parteiprogramm der KPdSU, so gehen die Sowjetbürger herrlichen Zeiten entgegen. Schon in zehn Jahren sollen sie kostenlos Brot erhalten und über eine Fülle von Konsumgütern verfügen. Aber die Wirklichkeit zeigt erst, auf welchen propagandistischen Füßen solche Versprechungen stehen. 1961 sollten gegenüber 1960 im 6,9 % mehr Konsumgüter produziert werden. Die Genossen wurden jedoch abermals um eine Enttäuschung reicher. Sie mußten sich in der angegebenen Zeit nur mit einer Erhöhung der Massen-Konsumgüterproduktion um 5 % zufriedengeben. Wenn sich die Folgen davon nicht gleich im täglichen Leben bemerkbar machen, so werden sie auf dem Gebiet der Lebensmittelversorgung um so deutlicher.