Von Johannes Jacobi

Richard Hey ist als Bühnenautor ein Stuck vorangekommen. Seine ersten beiden Schauspiele waren 1955 und 1958 in Stuttgart uraufgeführt worden. Das dritte, „Weh dem, der nicht lügt“, wurde jetzt vom Deutschen Schauspielhaus in Hamburg herausgebracht.

Hey ist der dritte deutsche Autor des Jahrgangs 1926, der innerhalb von vierzehn Monaten an der Gründgens-Bühne uraufgeführt worden ist. Die anderen waren Dieter Waldmann („Von Bergamo bis morgen früh“) und Siegfried Lenz („Zeit der Schuldlosen“).

Schon in seinem Erstling „Thymian und Drachentod“ hatte sich Richard Hey durch Dialogbegabung, satirisches Talent und – Mut hervorgetan. Er war sofort mit dem Schiller-Preis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet vorden.

Heys drittes Stück, das Grillparzers Behauptung „Weh dem, der lügt“ negiert, spielt im Filmmilieu, welches stellvertretend stehen soll für den Moloch „Kulturindustrie“.

Ein „Regisseur“, zugleich Drehbuchautor und Firmenchef, will das Leben eines „Helden“ aus dem Ersten Weltkrieg verfilmen. Das soll ein „Tatsachenbericht“ werden und „kulturell wertvoll“ sein. Im September 1918 hatte „der älteste Fähnrich der kaiserlichen Armee“ ein französisches Bataillon ganz allein und mit einer einzigen Kanone vernichtet, wobei ihm freilich nicht so sehr persönlicher Mut wie geschickte Verwendung neuer technischen Errungenschaften geholfen hatte.

Vier Jahrzehnte später lebt dieser Mann, Hans Hilarius Edler von Kappoffum, in derselben Stadt, wo sein Leben verfilmt werden soll. Er ist ein unbequemer Herr geworden, dieser „Edelmann“, wie er nachsichtig tituliert wird. Der Hochhausgesellschaft, die eine Wolkenkratzer-Siedlung auf seinem Grundstück errichten möchte, bietet er zwar sechs Siebentel seines Besitzes an. Verbissen bis zum Untergang verteidigt er jedoch den Rest, die kümmerliche Gärtnerwohnung, in der er jetzt bescheiden lebt: In seinem Garten züchtet er einen mexikanischen Kaktus. Dieser Kaktus mit den giftigen Stacheln wird zum Symbol eines unveräußerlichen Restes von persönlicher Existenz in einer total manipulierbar gewordenen Welt.