Finnlands Weg zur EWG führt über Moskau

Von Ortwin Fink

Der wirtschaftliche Aufschwung Finnlands trotz erheblicher Verluste im Zweiten Weltkrieg und trotz hoher Reparationszahlungen an die Sowjet-Union ist ein faszinierendes Beispiel für die Aktivität jenes Vier-Millionen-Volkes am Polarkreis. Finnland hat sich von einem typischen Holzland zu einem modernen Industriestaat gewandelt. Der zweite Teil unseres Berichts zeigt die Konsequenzen, die dieser Wandel auf den Außenhandel hatte.

Seinen wirtschaftlichen Aufschwung verdankt Finnland zum nicht geringen Teil der Arbeitsmentalität seiner Menschen. Man kennt hier weder die krankhaft hektische Akkordarbeits-Atmosphäre – noch die Pausenschinderei und gründliche Langsamkeit, die man gleicherweise den deutschen Arbeitern nachsagt. Man arbeitet hier ohne Hast, aber emsig und beständig vor sich hin.

Finnland verzeichnet eine ähnliche Vollbeschäftigung wie die Bundesrepublik. Noch vor zwei Jahren hat es bei der Liberalisierung des skandinavischen Arbeitsmarktes die Abwanderung Tausender von Arbeitskräften vor allem nach Schweden hinnehmen können, weil eine ziemlich hohe Arbeitslosigkeit zu verzeichnen war – aber jetzt schon steht bei den Arbeitsvermittlungsstellen der Nachfrage nach Arbeitsplätzen ein zwei- bis dreimal so großes Angebot gegenüber, und die Kritik an der Abwerbung durch schwedische Firmen wird genau so laut wie der Ruf nach ausländischen Arbeitskräften – vor allem Technikern, Ingenieuren und Facharbeitern.

Frühzeitig setzte in Finnland die Automatisierung ein. Maschinenhallen von Papierfabriken, in denen kaum mehr als ein Dutzend Menschen zu sehen sind, haben mich zunächst sehr verblüfft, sind aber nicht selten in Finnland. Die menschliche Arbeitskraft wird nur nach Ausnutzung aller modernen technischen Hilfsmittel produktiv eingesetzt, rationell und doch pfleglich.

So haben die Finnen die meisten sakralen Feiertage ungeachtet des Kirchenkalenders auf das nachfolgende Wochenende verlegt, um keine Werktage für die Arbeit ausfallen zu lassen, aber schon gehört die Arbeitszeit in Finnland zu den kürzesten in ganz Europa – und der soziale Standard zu den höchsten. Die Löhne der männlichen Industrie- und Landarbeiter zum Beispiel sind seit 1948 auf fast das Dreifache gestiegen, die Lebenshaltungskosten dagegen auf nicht ganz das Doppelte. Betrug das Einkommen je Kopf der Bevölkerung 1959 in Schweden 1150 Dollar und in Dänemark 860 Dollar, so rangiert Finnland mit 720 Dollar noch vor der Bundesrepublik (700 Dollar).