Von Carlos Barral

Alles, was sich in Spanien nach dem Bürgerkrieg auf dem Gebiet der Literatur ereignet hat, ist von Grund auf durch die Tatsache bestimmt gewesen, daß die Emigration der meisten Schriftsteller, die den Krieg überlebt hatten, die Entwicklung einer modernen, humanistischen Kultur, die sich auf dem besten Wege zur Liberalisierung befand, unterbrochen hat. 1939 waren nur noch ein paar mittelmäßige Schriftsteller in Spanien, die sich aus verschiedenen Gründen am Anfang des Krieges auf die Seite der Aufständischen geschlagen hatten, Schriftsteller, die nicht den Platz derer einnehmen konnten, welche die militärische Niederlage der Republik aus dem Land gejagt hatte – und die das sehr wohl wußten. Schwerwiegender jedoch war, daß die Literatur – und in gewisser Hinsicht die humanistische Kultur im allgemeinen – der neuen Situation feindselig gegenüberstand. Die Intellektuellen hatten den Krieg verloren. Diejenigen, die blieben, auch ihr Prestige.

Ganz langsam bahnte sich in den vierziger Jahren wieder ein literarisches Leben an, das sich auf kleine Kreise von Dichtern stützte, welche in zwei oder drei Madrider Cafés residierten, nicht denselben, in denen vor dem Krieg die „tertulias“ verkehrten; es waren Kreise, die sich einer formalistischen Dichtung oder stilistischen Spekulationen widmeten, welche die literarischen Zeitschriften ein Jahrzehnt lang berauschen sollten. Bei diesem Stand der Dinge mußte sich die Assimilation fremder Literaturen selbstverständlich über die Lyrik und in gewisser Weise ohne die Anteilnahme eines breiteren Publikums vollziehen, und so wurde gerade eine gewisse Schicht der deutschen Lyrik der erste und stärkste ausländische Einfluß. Man müßte die Gründe für diese Vorrangstellung wahrscheinlich in der politischen Verwandtschaft des neuen spanischen Regimes mit dem nationalsozialistischen Deutschland suchen, welche die deutsche Kultur in den Vordergrund gerückt und Deutsch in den höheren Schulen zu einem Pflichtfach gemacht hatte.

Etwa um 1942 entdeckten die spanischen Dichter Rilke, und um diesen Namen herum begannen die Zeitschriften auch von einigen anderen zeitgenössischen deutschen Dichtern zu berichten. Aber vor allem war es Rilke, der Mode wurde. Obwohl man ihn nur wenig kannte – die Übersetzungen waren unvollständig und schlecht, lieber griff man auf französische Texte zurück –, übte das Werk des Prager Dichters bald einen weiten Einfluß aus und färbte in zwei oder drei Jahren auf die ausgetrocknete und archaische spanische Poesie ab. Der abstrakte Rilkesche Gott verwandelte sich in den Versen der spanischen Dichter in ein zweideutiges Wesen, das diese Dichter für den katholischen Gott auszugeben trachteten. Wie es einer unserer jungen Dichter ausdrückte, erklomm nach der Entdeckung Rilkes das Wort „Dios“, eins der sehr wenigen gewichtigen Wörter der kastilischen Sprache, „alleTongipfel des Hendekasyllabus“.

Was dabei erstaunt, ist, daß Rilkes Einfluß nur so lange von Bedeutung war, als das Werk des Dichters ungenügend bekannt war, und daß die ernsthaften Übersetzungen nur die Folge dieser Mode waren. Als diese Übersetzungen schließlich kamen, war das literarische Leben bereits etwas kräftiger geworden, und neue Dichter versuchten, an die Meister der großen Generation anzuknüpfen, die der Krieg zerstreut hatte. Trotzdem blieb der Einfluß Rilkes auch weiterhin das Rückgrat einer der lyrischen Tendenzen in Spanien und verwurzelte sich fest im Geschmack der Leser.

Ich entsinne mich, wie ich nach der Veröffentlichung meiner Übersetzung der „Sonette an Orpheus“ zu einer Zusammenkunft junger Leute bei einer unbekannten Dame geladen und sehr erstaunt war, als ich eine Wohnung betrat, in der überall rote Rosen und Photographien des Dichters aufgestellt waren. Ich fragte die Dame, ob diese Blumen zu Ehren Rilkes da wären, und sie antwortete mir mit einem Vers aus einem der Sonette. War diese poetische Messe eine Ausnahme? Ich bin ziemlich sicher, daß es in Spanien seit den melodramatischen Séancen am Ende des vergangenen Jahrhunderts, wo man Chopin spielte und bleichsüchtige junge Mädchen Verse von Campoamor rezitierten, keine Versammlungen dieser Art gegeben hatte.

Es ist sonderbar, daß diese Entdeckung Rilkes niemandes Interesse auch auf andere deutsche Dichter (George, Trakl, Beim und so weiter) lenkte. Mit dem Interesse, das die jungen spanischen Schriftsteller in den letzten Jahren Bertolt Brecht entgegenbringen, steht sie offensichtlich in keinem Zusammenhang; dieses Interesse ist vor allem durch die Dramen geweckt worden, die in lateinamerikanischen Übersetzungen zugänglich sind, und durch die Verallgemeinerung einer „realistischen“ Poetik. Ich bin sicher, daß Brecht in Spanien einen enormen Widerhall fände, wenn seine Stücke gespielt werden dürften – was wegen der Zensur ausgeschlossen ist.