Zur Einleitung einer ZEIT-Serie

Über Ansehen und Einfluß der neueren und neuesten deutschen Literatur im Ausland herrscht weitgehend Unklarheit. Zwei Spielarten der Naivität müssen die Unkenntnis ausgleichen: die eine nimmt gutgläubig an, unsere Nachbarn kennten und schätzten uns wie wir selbst (schätzen wir uns? nach außen hin bestimmt); die andere, kritische, behauptet, die deutsche Literatur stehe jenseits der Grenzen denkbar niedrig im Kurs oder werde überhaupt ignoriert.

So kann es geschehen, daß die eine oder andere Nachricht, die gelegentlich aus dem Ausland hereinsickert, zu argen Mißverständnissen führt. Gründgens’ „Faust“-Gastspiel hat in New York triumphale Erfolge geerntet: Heißt das, Goethe sei nunmehr im literarisch gebildeten Amerika heimisch geworden? Nein, es heißt nichts anderes, als daß die große, aber nach außen hin ziemlich einflußlose deutsche Gemeinde, die damals nach New York pilgerte, dankbar war, die legendäre Aufführung eines Werkes, das ohnehin zu ihrem Besitz gehört, mit eigenen Augen sehen zu können. Der durchschnittlich gebildete Bürger Chikagos wird sich weiterhin an der „Go-ethe Street“ vergeblich die Zunge zerbrechen.

Oder die in der hochangesehenen Encyclopedie de la Pléiade“ von Raymond Queneau herausgegebene Geschichte der Literaturen, für Franzosen eine Quelle erster, Überblick schaffender Information, weiß über Conrad Ferdinand Meyer nur zu berichten, daß er die Form über das Gefühl stellte und seinem Drucker jeden Tag eine oder mehrere Postkarten schickte, um ihn zur Überwachung der Schriftsetzer anzuhalten; und auf anderthalb Seiten klärt sie den französischen Leser zwar über Christian Morgenstern auf, weiß hingegen über Thomas Mann nicht viel mehr zu berichten, als daß er den „relativ engen Ehrgeiz“ hatte, der deutsche Flaubert zu werden. Fällt also „den Franzosen“ zur deutschen Literatur nichts ein, geht ihnen alles Gefühl für Rangunterschiede ab? Nein, es heißt allein, daß sich der Herausgeber den falschen Autor für das Deutschland-Kapitel gesucht hat – ein Mißgriff, den wir ihm im übrigen nicht zu sehr ankreiden sollten. Wer weiß, was man in Frankreich von deutschen Äußerungen über französische Literatur hält? Sicher nicht ganz zu unrecht wurde den Deutschen in der literarischen Times im vorigen Herbst der Vorwurf gemacht, sie ständen der in Hülle und Fülle importierten Literatur wahl- und kritiklos gegenüber.

Nein, man kann nicht gerade sagen, daß das deutsche Publikum sich Rechenschaft darüber gibt, auf welche geistigen und sozialen Voraussetzungen unsere Literatur im Ausland stößt, mit welchem Maß jenseits von Maas und Memel, besser: von Rhein und Elbe gemessen wird; oder daß es sich darüber klar wäre, wie hoch die Hypothek ist, mit der alles, was nach dem Kriege aus Deutschland gekommen ist, in aller Welt belastet wird. Die Folge, wie könnte es anders sein, ist verfrühte Panik oder verfrühter Übermut.

Dabei wäre es durchaus an der Zeit, uns, wo immer möglich, Klarheit zu verschaffen. Die Weltliteratur, die Goethe vor hundertfünfzig Jahren kommen sah, ist da, sicher anders, als er sie sich vorgestellt hatte, und zunächst als eine Quelle fortschreitender Desorientierung, ein verwirrendes Pele-mele, in dem uns jede Saison unfehlbar ein säkulares Werk aus einer bislang unbekannten Literatur bietet und bei dem auch der fleißigste Leser schnell resignieren muß – aber dennoch als eine ungeheure Bereicherung mit unabsehbaren Wirkungen! In wenigen Jahren hat sie das bloß Nationale zum Provinziellen gemacht.

Und an diesem weltweiten geistigen Verkehr hat die Bundesrepublik einen großen Anteil, man lasse nur Statistiken sprechen. In der Gesamtzahl der Übersetzungen steht sie hinter der Sowjetunion an zweiter Stelle. 1960 wurden allein 2613 Bücher aus rund vierzig Sprachen ins Deutsche übertragen, davon etwa die Hälfte belletristische Werke. Die Zahl der aus dem Deutschen in fremde Sprachen übersetzten Bücher ist mit etwa 3200 im Jahr wider alles Erwarten sogar noch höher. Der Nachholbedarf, dessen man sich unmittelbar nach dem Kriege bewußt wurde und der nun plötzlich unbeschränkt befriedigt werden konnte, hat zusammen mit einem gewissen Mangel an eigenem die Bundesrepublik zu einem Eldorado des Übersetzens gemacht, das Goethe immerhin „eines der wichtigsten und würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltverkehr“ nannte.