Von Theo Fürstenau

Eine schreckliche Vision geistert, taumelt, ächzt über die Leinwand. Menschen stöhnen unter dem Kruzifix, auf das der ausgemergelte, ekstatisch verzerrte Leib Christi geheftet ist. Irren Blicks und in monotoner Gleichmäßigkeit schlagen sie die Geißel auf den geschundenen Körper. Wie eine qualvoll sich selbst lähmende Pantomime des Grauens wirkt diese Pestprozession, dieses Bild der Verzweiflung, der Unerlöstheit, des blinden Glaubens aus Ratlosigkeit.

Der Film Ingmar Bergmans, der auf unheimlich bohrende Art die Frage nach der Existenz Gottes stellt, hat in dieser Szene einen erschütternden Höhepunkt. Nicht als ob von daher irgendwelche Klärung käme. Ein Extrem menschlichen Irrens wird gegenwärtig. Gewißheit aber ist beim Tode, gewiß ist die leibliche Vergänglichkeit: Diese kunstvoll arrangierte und gleichzeitig bestürzend wirklichkeitshaltige Szene weist es aus. Durch konkrete, nicht mehr Deutung provozierende Anschaulichkeit.

Und gerade deshalb, weil das unmittelbar Erfahrbare, diese in Pestilenz sterbende Welt, nicht etwa bloß als Sinnbild oder gar als Allegorie, sondern als mit Grauen aufgeladene Wirklichkeit von einem genialen Regisseur auf die Filmleinwand gebracht wird, erhält die Frage nach Gott ihre Härte, ihre Unausweichlichkeit.

Ein Ritter, aus dem Kreuzzug in das vom Pesthauch bedrohte Abendland heimgekehrt, absolviert eine Partie Schach mit dem Tode. Die Zeit, die ihm für die Antwort auf seine Frage bleibt, ist dadurch bemessen. Sie läßt noch Begegnungen zu: mit einem naiven Gaukler vor allem, dessen anfälliger Sinn dem Wunderbaren zugeneigt ist. Das Wunder, die Halluzination, wendet sich dem zu, der nicht reflektiert.

Die Reflexion aber (die alle Möglichkeit der Transzendenz zurückweisende Fähigkeit um scheinbar logischen Argument) ist dem Knappen Jons überlassen, der noch im Angesicht des Todes zynisch von „unerhörten Gefühlen“ und „Ewigkeitsblähungen“ redet, als glossierende Bemerkung zu dem Aufschrei des Ritters: „Gott, den es irgendwo gibt, den es irgendwo geben muß ... habe Erbarmen mit uns!“

Diese Kontroverse zieht sich, in vielfältiger Symbolik verkleidet, durch den ganzen Film. Sie wird zum Schluß noch einmal gleichsam sentenzhaft formuliert, um die Frage nach Gott vor der edeldunklen Gestalt des Todes zu akzentuieren.