DIE ZEIT

Ein Bonner Scherbengericht

Eine kleine Weile noch wird der Fall Bucerius die Gemüter in Bonn erregen. Nicht etwa, weil man sich ein Gewissen daraus macht, einen Abgeordneten nach vierzehn Jahren Zusammenarbeit zu verdammen, ohne ihn selbst vor dem Parteivorstand gehört zu haben, sondern ausschließlich deshalb, weil man fürchtet, hier oder da könnte unvorhergesehene Kritik aufkommen und die nun endlich gewährleistete Einstimmigkeit bedrohen.

Frieden steht vor der Tür

feines der wichtigsten Ereignisse, die unser aufgeregtes Europa augenblicklich beschäftigen, spielt sich in diesen Tagen wie ein grandioser Kriminalroman ab: Die Vorverhandlungen um den Frieden in Algerien.

Wirklich Tauwetter?

Die weltpolitischen Vorgänge der letzten Tage muten einen wie die Reprise eines Films an, der sein Publikum vor einem Jahr schon einmal böse enttäuscht hat.

Zeitspiegel

In Addis Abeba ging eine Versammlung von fünfzig führenden afrikanischen Politikern zu Ende, die einen engeren Zusammenschluß der unabhängigen Staaten in Ost- und Mittelafrika vorbereiten sollte.

Werben um Adoula

Der „starke Mann“ am Kongo heißt Cyrille Adoula, Ihm gelang – mit teils direkter, teils indirekter Hilfe der UN-Blauhelme und der Amerikaner –, was nach den chaotischen, turbulenten achtzehn Monaten der Unabhängigkeit dieses Landes kaum noch jemand für möglich hielt: Er stellte den Frieden im Land wieder her.

Ist Macmillan müde?

Es taugt nichts, heute pessimistisch zu sein, ein paar Tage später optimistisch, und dazwischen unentschlossen.“ Ob nun der konservative Abgeordnete Sir Harry Legge-Bourke mit seiner Ansicht, daß Harold Macmillan jetzt zurücktreten sollte, allein steht oder nicht – dieser Satz, den er vor zwei Wochen aussprach, hat vielen Engländern eingeleuchtet.

Bonn auf altem Kurs

In der kleinen „Gipfelkonferenz“ des Auswärtigen Amtes kamen die Missionschefs aus Washington, Moskau, London, Paris (hier gleich zwei: Botschafter Blankenborn und NATO-Botschafter v.

wer....was....wo....warum....

Westliche Kernwaffenversuche in der Atmosphäre werden vor der Konferenz noch nicht unternommen. Ein Grund: politische Rücksichten.

Aktion Luftkorridor

Was auch immer auf dem internationalen Verhandlungsparkett geschehen mag – der rote Nervenkrieg gegen Westberlin hat sich wieder verstärkt.

Italienische Illusionen

Vom italienischen Sozialistenführer Pietro Nenni wird es hauptsächlich abhängen, welchen Ausgang das Experiment der „Öffnung nach links“ nimmt, das der 54jährige linkskatholische Politiker Amintore Fanfani begonnen hat.

Deutsche Autofahrer

Ein sonderbarer Engländer, der sich offenbar der Narrenfreiheit, die wir Ausländern einräumen, völlig bewußt war, schrieb nach Hause an die englische Wochenzeitung Observer einen sonderbaren Bericht über Justizminister Stammbergers geplante Alkoholgesetzgebung für Autofahrer: In Bonn hätten sich „Sauf-Interessenten“ zu „lobbies“ zusammengeschlossen .

Ein Mann mit vielen Stärken

In der Westfalenhalle zu Dortmund hatte er, ein wohlbeleibter, aber dennoch agiler Mann, den Wahlkampf 1961 für die CDU mit einer so donnernden Ansprache eröffnet, daß es im Rund der 20 000 zu brodeln begann.

Unbehagen an der Themse

Es gibt in England drei Hauptquellen der Meinungsbildung: Parlament, Presse und City. Mir wurde in diesen Tagen nach vielen Gesprächen mit Abgeordneten, Journalisten und City-Angehörigen als Resümee deutlich, daß die Engländer unsere Politik nicht recht verstehen.

Bayern: Neue „Räte“-Republik

Wer den Bayern mangelnde Aufgeschlossenheit für moderne Zeitfragen vorwirft, tut ihnen bitter unrecht. Das wird sich zeigen, wenn der Landtag in München demnächst einen Antrag berät, dem „die Überlegung zugrundeliegt, ein lebendigeres Verhältnis zwischen Staat und Bürgern zu fördern“.

Bremen: Überraschung in Bremen

Der Fall des angeblichen Kriegsdienstverweigerers und Widerstandskämpfers Georg Bock aus Bremen hat eine überraschende Wende genommen: Sorgfältige Nachforschungen des Landesamtes für Wiedergutmachung förderten jetzt Unterlagen zutage, die den Verdacht begründet erscheinen lassen, hier habe ein Schwindler versucht, die Behörden zu betrügen und sich eine beträchtliche Entschädigung zu erschleichen.

Hamburg: Die „Profis“ setzen sich durch

Daß die Prozentzahl niedriger ist als in anderen Ländern, liegt daran, daß man in Hamburg unter „Fällen“, nur wirkliche Kriminalfälle versteht, während andernorts oft Zoll-, Steuer- und Paßvergehen, Verstöße gegen das Lebensmittelgesetz und die Gewerbeordnung sowie Verkehrsvergehen mitgezählt werden.

Schleswig- Holstein: Eine Rechnung ohne den Landwirt

Der 52 Jahre alte Landwirt Hermann Reese aus Heiligenhafen im Kreis Oldenburg kann triumphieren: Im Streit mit der schleswig-holsteinischen Landesregierung, genauer gesagt, mit dem Landesamt für Straßenbau im nördlichsten Bundesland, ist er Sieger geblieben.

Ski-Debakel

1962 wird es vielleicht keine „alpinen“, aber „nordische“ Ski-Westmeisterschaften geben. Denn Chamonix liegt vor dem Eisernen Vorhang, und Zakopane dahinter.

Das moderne Kolosseum

Es wurde bescheiden gefeiert. Ein paar Stadträte sagten ein paarmal „Prost“, der Direktor sprach seine Rede, zwölf Journalisten schrieben, niemand tanzte.

Die Balltricks der Inder gingen ins Leere

Die aus 16 Spielern und fünf offiziellen Vertretern bestehende Indien-Expedition des Deutschen Hockey-Bundes ist jetzt nach viereinhalb Wochen wieder in die Heimat zurückgekehrt.

Clausewitz im Atomzeitalter

Daß diese Frage überhaupt sinnvollerweise an eine Gedankenwelt gerichtet werden kann, die in der Grundkonzeption 140 Jahre, in der überwiegenden textlichen Niederschrift mindestens 130 Jahre alt ist, das erklärt sich aus dem ungewöhnlichen, ja einzigartigen Charakter des Werkes von Clausewitz, der es in gewissem Maße vor dem Veralten bewahrt hat.

Werkstattgespräche

Die Publikation von Künstlerbriefen ist eine Unsitte, wenn die Lektüre lediglich die indiskrete Neugier sensationslüsterner Spießer zu befriedigen vermag; sie bereichert die Welt um wertvolles Kulturgut, wenn die privaten Äußerungen Einblicke in das Wesen künstlerischer Arbeit vermitteln, wenn sich in ihnen nicht so sehr die bürgerliche (oder unbürgerliche) Person wie der durch sie wirkende Creator spiritus kundgibt.

Hüben und drüben: Nein!

Es gibt nur wenige Originaltexte des Schrifttums der anderen Seite in westdeutschen Ausgaben. Unsere Jugend... fragt mit Recht mehr nach Quellen als nach fertig formulierten Urteilen.

Zu empfehlen

ES ENTHÄLT Zitate von Dürer bis Heine über viele große und kleine deutsche Städte, über berühmte und weniger bekannte deutsche Landschaften – und dazu Bilder (farbige und schwarz-weiße Reproduktionen von Kupferstichen und Gemälden, meist aus dem 19.

Explodierende Seelen

Der Autor, Jahrgang 1934, gescheit, sensibel, temperamentvoll und ehrgeizig, vollgestopft mit Jazz-Rhythmen, Beatnik-Ambitionen, der literarischen Moderne, Folkloristischem, „O-Mensch!“-Gefühlen und abendländischen Bildungsbrocken („ .

Ruhe ist die erste Dichterpflicht

ist sehr vieles fragwürdig. Fragwürdig ist die durchgehende scharfe Trennung zwischen Kultur und Zivilisation, noch fragwürdiger die simple Qualifizierung: Kultur sei gut, Zivilisation sei böse; am fragwürdigsten jedoch ist die weltanschaulich-moralische Zensierung aller modernen Dichter.

Den Kommunismus begreifen

Für manche scheint es eine jenseits des Zweifels stehende Tatsache zu sein, daß der westliche, europäisch-amerikanische Lebensstil auf Fels gebaut und in Ewigkeit unveränderlich ist.

Wer ruft von der Galerie herunter „buh“?

Buh“-Rufe sind die jüngste Ausdrucksform des Unwillens bei Theaterpremieren. Es war ein historischer Augenblick, als nach seiner Neuinszenierung von Richard Wagners „Meistersingern von Nürnberg“ der Regisseur und Bühnenbildner Wieland Wagner im Bayreuther Festspielhaus beim Erscheinen an der Rampe mit Buh-Rufen empfangen wurde.

Lehren aus Parties (II)

Die Frage, ob man auf eine Party mit oder ohne Dame gehen soll, hat für Ehemänner einen mehr hypothetischen Charakter. Eher kann man einen hungrigen Tiger dazu überreden, vom Verzehr einer rundlichen Antilope Abstand zu nehmen, als eine Ehefrau daran hindern, auf eine Party zu gehen – es sei denn, sie sei krank oder verreist; was an Partytagen selten vorkommt.

Zeitmosaik

Am 21. Februar nimmt die unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Lübke im vergangenen Sommer vom Kulturkreis im Bundesverband der deutschen Industrie gegründete „Berlin-Stiftung für Literatur und Sprache“ in der Westberliner Akademie der Künste ihre Tätigkeit auf.

Kleiner Kunstkalender

Rund fünfzig Werke von Georges Rouault,Ölbilder und Aquarelle aus dem Besitz der Galerie und aus Privatsammlungen, dazu Bilder aus dem Nachlaß, die noch nicht ausgestellt waren, sind bis Ende März bei Ernst Beyeler zu sehen.

Die lautlose Vernichtung

Dieser Artikel berichtet über die deutsche Kampfstoff-Forschung im letzten Weltkrieg. Ihre Geschichte ist aktuell, weil sie den Anfang einer Entwicklung darstellt, die sich seit Kriegsende hinter einem dichten Nebel des Schweigens vollzieht.

Richtung Zukunft

Eine seltsame Umkehrung kündigt sich an: Die Menschen haben sich stets vor dem „Fluch der Armut und der Arbeit“ gefürchtet. Jetzt beginnen sie, den „Fluch des Reichtums und des Müßiggangs“ zu fürchten.

Erfindungen

Zum Einrammen von Grundpfählen beim Häuserbau hat man in den Vereinigten Staaten versuchsweise ein Gerät verwendet, das Schallwellen im Bereich von über 100 Hz ausnützt, um einen Pfahl in den Boden zu treiben.

Apokalypse und Totentanz

Eine schreckliche Vision geistert, taumelt, ächzt über die Leinwand. Menschen stöhnen unter dem Kruzifix, auf das der ausgemergelte, ekstatisch verzerrte Leib Christi geheftet ist.

7. Februar, das Hörspiel:: ,,Der Festzug“

Dies ist die, ach, so schlimme Geschichte vom willensschwachen Maschinenschlosser Anton Seifert, der sich zwischen Fernweh und Heirat nicht entscheiden konnte: Autor Rainer Puchert schrieb eine Struwwelpetergeschichte mit überdeutlicher Moral.

Fernsehen: Wedekind in zwei Gestalten

Das Grubenunglück hat den Spielplan durcheinandergebracht, die wichtigen Abendprogramme der zweiten Wochenhälfte wurden vernünftigerweise ausgewechselt, statt der leichten Kost gab es Wiederholungen von Thornton Wilders „Alkestiade“ und von Franz Peter Wirths „Hamlet“-Inszenierung, dieses wohl kühnsten und in all seiner Problem matik nachdenkenswerten Versuchs, ein klassisches Bühnenstück unter radikalem Verzicht auf alles Theatermäßige als pure Fernsehversion zu zeigen.

Theater

Im III. Programm, dem Studio der Städtischen Bühnen, inszenierte Günther Ballhausen die deutsche Erstaufführung eines Bühnenstückes, dessen Verfasserin hauptsächlich durch ihre Dialoge zu dem Film „Hiroshima – man amour“ bekannt geworden ist.

Film

„Der General“ (USA; Verleih: Atlas): Der General ist gar kein General, sondern eine Lokomotive, die „General“ heißt. Sie dampft im nordamerikanischen Sezessionskrieg quer durch die Fronten von einem Hinterland ins andere und zurück, stiftet Verwirrung und verhilft gar einer Seite zum Sieg.

Der faule Frieden von Stuttgart

Allenthalben mit Genugtuung ist in der Öffentlichkeit die Einigung über das neue Lohnabkommen in der westdeutschen Metallindustrie registriert worden.

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