Von Marcel

Es gibt nur wenige Originaltexte des Schrifttums der anderen Seite in westdeutschen Ausgaben. Unsere Jugend... fragt mit Recht mehr nach Quellen als nach fertig formulierten Urteilen.“ – Zwar muß ich bei dem Wort „Schrifttum“ mit Grimm an die Jünger Blunck und Johst denken (obwohl es von Hofmannsthal eingeführt und von ihnen nur verhunzt wurde), aber zweifellos wird mit diesen Sätzen treffend auf einen bedauerlichen Zustand hingewiesen.

Sie entstammen den „Vorbemerkungen“ zu einem Buch, das helfen will, die angedeutete Lücke zu schließen: „Deutsche Lyrik unter dem Sowjetstern – Eine Anthologie von Gedichten aus der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, für den Schulgebrauch zusammengestellt von Ernst Pfeffer“, erschienen im Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt/Main. „Welche zeitgenössischen deutschen Lyriker leben hinter dem Eisernen Vorhang, was sagen sie uns?“ – fragt der Herausgeber und verspricht: „Wir wollen ein Bild des Geistes vermitteln, der die Menschen der Zone umgibt.“ Fürwahr, ein löbliches Unterfangen.

Geboten werden siebzig Gedichte. Von wem wohl? Von Stephan Hermlin, Johannes Bobrowski, Franz Fühmann, Erich Arendt, Georg Maurer? Nein, just von ihnen, die drüben zu den führenden Lyrikern gehören, ist keine einzige Zeile zu finden! Hätten etwa ihre Verse zu einem Bild der dortigen Dichtung beigetragen, das günstiger wäre als jenes, das der Herausgeber zeigen wollte? Er hat nämlich für dreißig andere Autoren, von drüben Platz gefunden, darunter für rund zehn, über die er nichts, nicht einmal das nackte Geburtsdatum mitteilen kann. Denn es handelt sich um Sonntagsdichter, von denen zwar einmal einige Strophen in einem DDR-Blatt gedruckt wurden, die aber dort gänzlich unbekannt geblieben sind.

Etwas erstaunlich sind auch die Informationen, die man in der Einführung und in den Anmerkungen finden kann. Auf Seite 15 erfährt man, Johannes R. Becher sei 1919 der KPD beigetreten, auf Seite 105 schloß er sich der Partei erst 1923 an. Peter Huchel soll den „großdeutschen Literaturpreis von 1932“ erhalten haben. Es war jedoch der Lyrikpreis der Dresdener Zeitschrift „Kolonne“. In „großdeutschen“ Zeiten ist Huchel eben nicht preisgekrönt worden. Der Poet Louis Fürnberg soll „der erste Botschafter der DDR in Prag“ gewesen sein. Er war hingegen nur Botschaftsrat, und nicht der DDR in Prag, sondern der Tschechoslowakei in Berlin.

Auf Seite 57 wird ein Gedicht „Chinesischer Wandschirm“ von Hanns Cibulka abgedruckt. In den Anmerkungen auf Seite 101 figuriert jedoch als Verfasser dieses Gedichts – Weisenborn. Der in Hamburg wohnhafte Weisenborn wird zwar in der DDR sehr geschätzt und war auch in China, aber das Gedicht stammt doch von Cibulka.

Karl May sei drüben nicht gern gesehen. Warum? Pfeffer meint: „Insbesondere stören die christlichen Reden Old Shatterhands und seiner Freunde.“ Der große russische Botaniker Mitschurin wird bezeichnet als: „Obstzüchter, der durch Änderung von Umweltbedingungen Erfolge erzielte.“ Die Behauptung, Brechts „Berliner Ensemble“ durfte „keines seiner Stücke so aufführen, wie er es gedichtet hatte; alle mußten erst parteigemäß umgeformt werden“, ist eine glatte Lüge.