Beim Sprunglauf für die Weltmeisterschaften in der Nordischen Kombination im polnischen Zakopane am Fuße der Hohen Tatra hagelte es förmlich Stürze, obwohl es sich um die "kleine" Schanze handelt, deren kritischer Punkt wenig über 60 Meter liegt. In unserem Bericht schildert einer der Pioniere des deutschen Skisports, wie aus dem Sprunglauf gegen den Widerstand des Internationalen Ski Verbandes der Skiflug entstand. Man befürchtete, was auf den ersten Blick auch einleuchtend erscheint, daß das Springen in immer größere Weiten auch immer gefahrvoller werden und der "Haltung" der Springer schaden müsse. Aber das Gegenteil trat ein. Auf den neuen riesigen Anlagen kamen weit weniger Stürze vor als auf den kleineren Schanzen, und jetzt erst wurde der "ideale" Gleitflugstil mit extremer Vorlage gefunden. er Wunsch, fliegen zu können, schlummert von jeher in der menschlichen Seele. Tausendfach ist er und auch die Vorstellung seiner Erfüllung in den Schöpfungsmythen vieler Völker mit ihren Göttern und Menschen verknüpft. Nie — und so geht es wohl allen Träumern — fühl ich midi glücklicher, als wenn ich träumend über alle Hemmnisse hinwegschwebe.

Dem Skiläufer sind Empfindungen des Fliegens vertraut. Schon sein Abgleiten über den leichten lufterfüllten Schnee fühlt er als ein Schweben, wissend, daß er ja allein schon um die Tiefe der Schneeschicht dem Himmel näher ist. Und springt er, ist in seinem Sprung die stärkste "Dosis" Flug, die ohne Motor und Apparat zu leisten möglich ist. Seit es den Skisprung gibt, schwebt mit ihm metaphorisch der Flug. Schon der erste nordische Skalde, der von einem Skiflug berichtet — der auf Befehl Kong Haralds des Harten von Heming wurde — nennt ihn einen Flug.

Was dann Ende des 18. Jahrhunderts in Skandinavien die norwegischen Bergbauern an ihren an den Fuß des Anlaufhanges aufgeworfenen LoufOTg Schänzlein springend zeigten, waren trotz geringer Weiten Flüge, die ansteigend begannen, um nach hochgewölbter Flugbahn mit Aufsprung auf ebener Bahn und auch im tiefen Schnee endeten. Es galt ihnen mehr, hoch als weit zu kommen. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckten die Telemarker, daß man am Hang "rackstehend", das heißt in turnerisch aufrechter und gestreckter Haltung, besser, vor allem auch weiter schweben kann. Schon 60 Jahre vor dem ersten, der mit einer Ausrüstung "schwerer als die Luft" zu fliegen versuchte, Otto Lilienthal zu Berlin (1891), wurden in Norwegen im Tiefweitsprung Flüge bis auf 30 Meter erreicht. Ohne "Gebrauchsanweisungen" und ohne lehrende Vorbilder dauerte es in Deutschland wie in den anderen Ländern lange Zeit, bis man soweit war.

1911 ist in unserer Literatur erstmals aus der Feder eines bereits auf Weite springenden Ingenieurstudenten "vom Liegen auf der Luft" die Rede und damit von der Erfahrung, daß starke Vorlage während des Schweben noch weiter ttägt und größere Sicherheit gibt.

Vergrößerung der Schanzen, damit Steigerung der Schnelligkeit, stärkere Vorlage durch Abknicken des Körpers in der Hüfte führte langsam Spitzenspringer zu ergiebigerer Haltung im Absprang und in der Luft und zur Steigerung des Fluges bis zu 73 Metern (1925).

Diese Stilwandlung hat um 1925 der durch einen Sprungunfall gewitzte und aerodynamisch geschulte Schweizer Ingenieur Dr. R, Straununn erkannt. Seine Theorie des "partiellen Gleitflug", durch Modelluntersuchungen im Windtunnel der Universität Göttingen erhärtet, zeigt einmal mit physikalischen Methoden den Weg zu höherer Leistung und auch Verminderung der Stürze tnd :der mit ihnen verbundenen Unfälle. Hier sind wir heute so weit, daß beim Neujahrsspringen 1962 in Partenkirchen, als neben den Besten der Welt auch der Nachwuchs zum ersten Male über die große Olympiaschanze ging, von 132 Sprüngen nur fünf durch Sturz und zwei durch Schneeberührung beim Landen ungültig waren.

1932 übernahm der Internationale Ski Verband, die F. I. S, die Straumannschen Normen. Und seitdem wurden fast in aller Welt die Formen namentlich der großen, einst als Mammutschanzen verlästerten Sprung- und Fluganlagen den errechne;en Flugkurven angepaßt und damit "entschärft". Ausgerechnet die Norweger im Mutterland Jes Skispringens blieben dieser Entwicklung gegenüber skeptisch. Sie waren als Vertreter ihres so hochgeschätzten Nationalsportes bis auf unsere Tage, norwegischer Mentalität entsprechend, nur sehr ungern bereit, ausländischen Fortschritt anzuerkennen. Mit dieser konservativen Zurückhaltung haben sie es so weit gebracht, daß Norwegen die früher unbestrittene Führung im Skisprung verlor. Erst jetzt formt man endlich cen berühmten Holmenkolbakken mit deutscher Hilfe nach aerodynamischen Normen.