Schuster, bleib bei deinem Leisten, ist in Deutschland eine gern zitierte, sogenannte volkstümliche Weisheit. Gern zitiert vor allem dann, wenn es sich darum handelt, lästige Kritik in ihre Schranken zu verweisen.

Den acht Männern aus dem Geistesleben der Bundesrepublik, die in einem Memorandum kritisch zur Politik unserer Regierung Stellung nahmen, wird jetzt von vielen entgegengehalten, sie sollten sich lieber um ihre jeweilige Fachwissenschaft kümmern und sich nicht in die Politik mischen, von der sie doch nichts verstünden.

Wie eigentlich kam es zu diesem Memorandum? Zunächst einmal: die Verfasser sind nicht heimliche Verschwörer, die auf dunklen Pfaden zufällig zueinander gestoßen sind, sondern es sind Männer, die sich zum Teil seit Jahrzehnten kennen, die zwar in verschiedenen Bereichen arbeiten, aber ein gemeinsames Weltbild entwickelt haben. Carl Friedrich von Weizsäcker und der Pädagoge Picht kennen sich seit ihrer Studentenzeit, der jüngere Freund, Helmut Becker, Präsident der Volkshochschulen, stieß Anfang der dreißiger Jahre hinzu. Heisenberg ist Weizsäckers Lehrer.

Es handelt sich auch nicht um mißvergnügte Oppositionelle, die zum Zeitvertreib Denkschriften anfertigen, sondern um Angehörige jener Elite (nicht zu verwechseln mit Prominenz), der allenthalben – in Wirtschaft und Industrie, in den ersten Reihen des Parlaments – ständig ein zu großer Anteil der allgemeinen Bürde aufgepackt wird: Internationale Konferenzen, Beiräte, Gastvorlesungen, Vorträge, Fachgremien Merkwürdigerweise sind es ja in allen Bereichen gerade die ohnehin Überbürdeten, die sich für das Ganze verantwortlich fühlen und die bereit sind, zu ihrem gewohnten Päckchen noch zusätzlich Arbeit und Verantwortung zu übernehmen.

Diese Männer, zu denen einer der führenden Wissenschaftler der Bundesrepublik, Professor Ludwig Kaiser, Präsident des Wissenschaftsrats, gehört, ferner der evangelische Theologe, Präses Beckmann, und der Mathematiker Dr. Howe (Organisator des sogenannten Göttinger Gesprächs zwischen Theologen und Physikern), sowie der Intendant des Westdeutschen Rundfunks, Klaus von Bismarck, haben nun ihre kritischen Gedanken zur Situation in der Bundesrepublik zusammengefaßt.

Sie waren, wie viele Bürger unseres Staates, damals nach dem 13. August und bei der Regierungsbildung im Herbst verzweifelt über das kleinliche, provinzielle Verhalten in der großen nationalen Krise. Übrigens ein Unbehagen, das in unserer unsteten Öffentlichkeit wieder ein wenig in Vergessenheit geraten ist, das aber inzwischen auf die damals so geschäftige, heute dem Immobilismus verfallene Regierung übergegriffen hat. Heute nämlich spürt man in Bonn den großen Kater und in der CDU die Malaise über den Koalitionspartner, über die dubiosen Geschichten, die den Verteidigungsminister umranken, und über so manches andere. Nicht selten trifft man führende CDU-Mitglieder, die von der großen Koalition träumen und heute, fünf Monate später, feststellen, daß sie in jenen Herbsttagen eine Chance verpaßten.

Alle diese Gefühle waren damals bei den Verfassern des Memorandums wach. Besorgt beschlossen sie, nach langen Diskussionen, ihre kritischen Betrachtungen in Umrissen zu Papier zu bringen. Erst Anfang dieses Jahres haben sie dann diese Gedanken in drei verschiedenen Sitzungen mit Abgeordneten der drei Parteien besprochen. Wer das Manuskript, das nicht zur Veröffentlichung bestimmt war, der Nachrichtenagentur dpa in die Hände gespielt hat, ist nicht bekannt.