Wer erkunden will, wie sich das Bild gewandelt hat, das sich die Deutschen in der Bundesrepublik in den letzten sechzehn Jahren vom "Dritten Reich" gemacht haben, braucht nur ihre Geschichtsbücher zu Rate zu ziehen. Was der Jugend dort berichtet, was ihr zuweilen auch vorenthalten wird, ersetzt viele demoskopische Umfragen. Unsere Lehrbücher sind ein getreues SpieUrteile über Hitler, den Antisemitismus, den 20. Juli schwankten.

Nach 1945 hat es Jahre gedauert, bis unsere Lehrer sich trauten, wieder moderne Geschichte zu unterrichten. Als es schließlich, so weit war, war durch den wirtschaftlichen Aufschwung und standen, in der das neue Selbstbewußtsein auch in manchen Schulbüchern sichtbar wurde. Zwischen den Zeilen wurden mancherwäm die restaujrativen und nationalistischen Tendenzen spürbar. Bestimmte Tatsachen wurden nicht genannt, die Kommentierung wurde "zurückhaltend". Das änderte sich erst, als die Hakenkreuzschmierereien und der Name Adolf Eichmann bekannt wurden.

Es waren vor allem die Gutachter des Internatiodie die ärgsten Entgleisungen, aufdeckten. Inzwischen ist das Braunschweiger Institut zu einer Institution geworden, zu einer Kontrollstelle, der in der Regel die Manuskripte und Fahnenabzüge freiwillig zur Prüfung vorgelegt werden. Das Ergebnis: die westdeutschen Geschichtsbücher können sich wieder sehen lassen — von einigen "Außenseitern" abgesehen, von denen hier ausführlich berichtet werden soll. In manchen Schulen einiger Bundesländer werden tatsächlich noch heute Lehrbücher benutzt, die kaum die Förderung der Kultusministerien, wohl aber den Rotstift verdienen. Es wäre jedoch ungerecht, die Vorwürfe allein an die Adresse der staatlichen Instanzen zu richten und nur ihnen "mangelnde Sorgfaltspflicht" nachzusagen. Die Kritik muß auch den Verlegern gelten. Denn in der Bundesrepublik wird das Schulbuch nicht reglementiert. Bonn diktiert nicht, was die Autoren in München oder Hannover zu schreiben haben. Das föderalistische Prinzip gestattet es zudem jedem Rektor und Lehrer, die Titel Vorschläge der Ministerien zu übergehen. Freilich läßt es sich nicht verheimlichen, daß mancher Verleger eine Neuauflage hastig auf den Markt bringt, nur um weiterhin gut "im Geschäft" zu bleiben, daß er — um "überflüssige" Kosten zu vermeiden — wieder die alte, oft unbrauchbare, überholte Fassung anbietet. Im Höchstfall gibt er ihr einen modernen Einband. Um nicht die wachsamen Konkurrenten auf den Plan zu rufen, vermeidet er es sogar, das Jahr der Neuauflage zu nennen, sondern versteckt es in einer Chiffre. Auf diese Weise erkennt aber auch der Lehrer nicht sofort, ob es sich um eine alte oder um eine neue Auflage handelt. So kommt es, daß der Kritiker auch im Jahr 1962 zuweilen auf Entstellungen, Halbwahrheiten oder audi Ausflüchte stößt, die seit vier Jahren von einer Ausgabe in die andere übernommen wurden.

Eine genaue Durchsicht ergab, daß von fünfzig Geschichtsbüchern der Ober- und Mittelstufe die zur Zeit im Unterricht benutzt werden, bei zehn die zeitgeschichtlichen Kapitel überarbeitet werden müßten. Nicht, daß diese Lehrbücher den Versuch machten, Hitlers Parolen aufzuwärmen noch seine Politik rechtfertigen noch nachträglich zu rechtfertigen. Die Bedenken richten sich eher gegen die falsche Auslegung des Begriffes vom "Mut zur Lücke". In einem Geschichtsbuch von durchschnittlich 23 Seiten kann in der Tat nicht alles gebracht werden, bei der Fülle der historischen Tatsachen muß eine Auswahl getroffen werden. Das aber darf nicht, wie in manchen Fällen, zur Leichtfertigkeit und Nachlässigkeit führen. Allzuleicht verschieben sich sonst die Proportionen. Die Relationen stimmen dann nicht mehr: So etwa im Band 4 der "Grundzüge Weltkrieg zwar auf 14, die NS Innenpolitik jedoch nur auf 3 Seiten behandelt wird; so auch irn Mittelstufen Band 4 "Europa und die Welt" (Verlag Sehöningh), wo die beiden Weltkriege auf 30 Seiten beschrieben werden, dem Thema "Widerstand" aber nicht einmal eine ganze Seite zugebilligt wird, wo die Behandlung der "Judenfrage" nur so viel Platz bekommt wie der Abschnitt "Nürnberger Kriegsverbrecher Prozeß". Selbst die noch 1961 erschienene OberstufenKurzfassung der "Grundzüge der Geschichte" (Diesterweg) macht es nicht besser: 11 Zeilen für das Ende der Weimarer Republik, 12 Zeilen für die Schüler zu falschen Schlußfolgerungen verleiten muß.

Fast allen Geschichtsbüchern muß zudem vorgeworfen werden, daß sie die Kriegsereignisse überbewerten. Da fehlen kaum Details, da "schwelgen" manche Autoren und schreiben in der Manier von lungssieg im Westen, Rommel Schlacht in der nordafrikanischen Wüste. Vom Widerstand der holländischen, jugoslawischen, französischen Partisanen hingegen erfährt der Primaner nichts. Hier wird jener "Mut zur Lücke" zu einer Unterlassungssünde.

In den zwanzig Büchern zum Beispiel, die an Hamburger Schulen eingeführt sind, fehlen fast immer Namen wieLidice oäerOradour. Dafür heißt es aber in einer Ausgabe, die den Partisanenkrieg ausnahmsweise ausführlich behandelt: "In fast allen Ländern lag ein wesentlicher Grund für diese Art der Kriegführung darin, daß die deutsche Besatzung den Verhältnissen nicht gerecht wurde, daß die Militärverwaltungen zwar human, die daneben bestehenden SS- und SD Instanzen aber schichte. Von 1850 bis zur Gegenwart, Klett ) Hitlers Kriegspolitik beginnt in den meisten Geschichtsbüchern erst mit dem Einmarsch in die Tschechoslowakei. Seine Aussprache vor den Generalen vom Februar 1933, die Pressekonferenz vom November 1938, wo Hitler seine Eroberungspläne bereits erläutert hatte, finden sich nirgendwo. Solche Oberflächlichkeit führt dann zu groben Entgleisungen wie dieser: "Als der Schöpfer Großdeutschlands wäre Hitler mit hohem telstufe IV, Verlag Schwann) Dem Oberschüler bleiben Namen wie Hugenberg und Thyssen, die schließlich Hitler finanzierten, meist unbekannt, während sie erfahren, daß Hou"wahren Schuldigen" der Rassenpolitik Hitlers gewesen seien. Auch über den Besatzungsterror der Heydrich, Koch und Frank (die Zahl der 7 5 Millionen Deportierten steht an keiner Stelle) hören sie kaum etwas. Von den "feindlichen Terrorangriffen" ist häufig die Rede — nicht aber von den Zerstörungen Warschaus, Rotterdams und Goventrys, mit denen die systematische Bombardierung der Städte begann.

Wenn — was höchst selten geschieht — auf die NS Wirtschaftspolitik eingegangen wird, dann nur, um - von "Erfolgen" zu berichten, über die Arbeitsbeschaffung, den Autobahnbau, "Kraft durch Freude". Ein Kapitel des schon zitierten Schöningh Bandes zählt folgende Dinge auf: KZTerror, Judenverfolgung, Kampf gegen die Una Sancta, KdF, Erbhofgesetz, Ehestandsdarlehen, Reichsautobahn. Der Titel zu diesem Abschnitt lautet dementsprechend fragwürdig und verharmlosend "Peitsche und Zuckerbrot". Das ist nicht mehr fern von Geschichtsklitterung.

Besonders kraß ist solche Oberflächlichkeit dort, wo ein zentrales Thema der Zeitgeschichte behandelt wird, die "Endlösung der Judenfrage" und Ihre Vorgeschichte. Gerade hier lassen sich die Mängel weder mit dem Fehlen des Quellenmaterials noch mit Platzschwierigkeiten oder gar mit jenem doppelsinnigen "Mut zur Lücke" entschuldigen. Dabei können die folgenden Sätze noch als sprachliche Mißgriffe gedeutet werden: "Für W i(Deutsche Geschichte im europäischen Zusammenhang, Verlag Hirschgraben) — "Die Konzentrationslager kamen jetzt zu ihrer ganzen schreckZeit, Verlag Braun) Bedenklicher ist vielmehr, daß eine große Zahl von Geschichtsbüchern verschweigt, wieviel Millionen Juden damals umgebracht wurden. Die einen verstecken sich hinter vagen Formulierungen ("viele Millionen"), andere begnügen sidh sogar mit bloßen Andeutungen ("zahllose", "Millionen"), die einen beschränken sich darauf, nur von den ermordeten "deutschen Juden" zu sprechen, andere wiederum verschweigen die Gaskammern und reden allein davon, daß in den Todeslagern "Mißhandlungen und Totschlag oft vorkamen " In der "Geschichte der Neuesten Zeit" (Verlag Klett), das eine hohe Auflage hat, heißt es sogar: "Im November 1938 kam es zu einem besonders hatte in Paris einen deutschen Diplomaten erschossen, der selbst alles andere als ein JudenSeite wurde diese Tat über Gebühr aufgebauscht und als Vorwand für eine scharfe Judenverfolgung benutzt. Auf Goebbels Befehl zündeten Angehörige von Parteiorganisationen die Synagogen an. Sie mißhandelten auch viele Juden und beschädigten die jüdischen Geschäfte und Wohnungen mehr Kommentar ist mehr als eine Aneinanderreihung bloßer Flüchtigkeitsfehler. Oder was soll ein Oberschüler mit diesem Exkurs anfangen "Zahllose Juden kamen in die Konzentrationslager. Der ErEinige Zeilen später wird schließlich behauptet: Himmler "trägt ein gut Teil der Verantwortung für den Terror. Hauptsächlich durch seine den " (Werden und Wirken, Verlag Braun) Doch so wie etwa von "verblendeten Nationalsozialisten" beim November Progrom die Rede ist, so wird auch häufig die Frage der Schüler: "Wie konnten unsere Eltern das nur zulassen?" mit der lapidaren Entschuldigungs Floskel beantwortet, das Ausmaß des Terrors sei nur den "Eingeweihten" bekannt gewesen. Kein Hinweis aber auf Hitlers antisemitisches Programm in "Mein Kampf", auf die Haßtiraden im "Stürmer", im "Schwarzen Korps", im Rundfunk, auf der Leinwand, in unzähligen Propagandaschriften. Der jugendliche Leser muß den, Eindruck gewinnen, als seien die "Reichskristallnacht", die gelben Sterne, die nächtlichen Rollkommandos etwas Selbstverständliches gewesen, über das die Erwachsenen hinwegsehen konnten.

Der Begriff "Schuld" taucht nur am Rande auf, der Appell an die Verantwortung wird unterdrückt. Dafür können die Schüler aber lesen: "Neben wohlmeinenden Idealisten befanden sich in den Anhängerscharen von Anfang an viel fragwürdige Elemente. Daß die charakterlich wertvollen Anhänger ihren Einfluß wenig geltend machten und sich bei der Besetzung der Parteiämter beiseite schieben ließen, hat wesentlich zur Entartung und zum Untergang beigetragen, denn die Regierung geriet auf diese Weise in die Hände unwürdiger Schmeichler und gewissenloser Abenteurer " (Geschichte der Neuesten Zeit, Verlag Klett ) Rund vierzig Verlage gaben in den letzten Jahren über sechzig Lehrbücher und Quellenhefte zum Thema Zeitgeschichte heraus. An Material also fehlt es nicht. Und in den meisten Fällen handelt es sich um einen Lesestoff, der jeder Prüfung durchaus standhält. Nur einige Bücher ver