„All die Verwünschungen, die Fläche und das Drängen / Die Lust, die Tränen, dies Tedeum, dieser Schmerz / Sie sind ein Widerhall aus tausend wirren Gängen / Sie sind ein göttlich Gift für unser sterblich Herz!“

Baudelaire: Les Fleurs du Mal

Schreckt der Schrecken nur ab? Scheucht er nur in die Flucht? Räumt er nur ab bis zur tödlichen Leere? – Als ob! Wenn es jedem gelänge, sich zu sehen wie durch ein umgekehrtes Fernglas: aus der Distanz, aber genau! Wenn er sich absetzen könnte von dem wohlpräparierten Bild, das er von sich selbst gemacht hat, um sich auszuhalten, von diesem „Möchte – gern – Ich“, diesem „Gehört – sich – so“-Popanz: dann würden wir – verwirrt? beschämt? erstaunt? – bemerken, wie sehr wir den Schrecken, den wir hassen, lieben. Das verfluchte Grauen fasziniert. Und wenn wir auch die Vordertür dreifach vor ihm verbarrikadieren, so lassen wir doch das Fenster angelehnt, damit es vielleicht... Aber darüber darf man nicht reden, denn das kann doch nicht wahr sein! Oder?

Aber es ist so. Es hat tausend Gesichter, gute und böse. Lots Weib – es muß sich umschauen nach der glühenden Stadt. Niobe – mit eisstarren Tränen vor dem Tod ihrer Kinder. Neros Blick durch die Leier auf das brennende Rom. Vor allem die Zuschauer, gute und böse – die Blume des Schreckens lockt sie zu Schwärmen. Sie sitzen vor dem Bildschirm und schauen entsetzt in aufgeschlitzte Mauern, die nichts mehr bewahren können: Die Wand vor dem Schlafzimmer ist fortgerissen; der Küchenherd hängt halb ins Leere; Häuser, für festen Grund gebaut, torkeln auf gurgelndem Wasser; aufgeschwemmtes Vieh stößt mit steifen Beinen in die Luft.

Oder sie drängen sich an der Rennpiste, lauschen auf die heulenden Motoren, verfolgen die pfeilschnelle Meute – und zittern, ob nicht plötzlich einer ausbricht, tödlich, schrecklich schön: ein zerplatzender Komet: Sie äugen in die die Zirkuskuppel auf die schwingenden Körper, hoch oben, auf den Sprung übern Abgrund, den kein Netz sichert. Sie blinzeln in das Feuerwerk, in Garben, die sich zischend entfalten, und erinnern sich. an Nächte, als der Krieg Leuchtspuren über den Himmel peitschte. Sie verschlingen zum Frühstück die schwarzen Schlagzeilen. Oder sie sitzen still, aufrecht, sorgfältig gekleidet im dunklen Rund des Theaters und spüren, wie sich vorn auf der erleuchteten Bühne unter Worten und Gebärden Himmel und Hölle auftun – Gründe, mitten im Menschen, die der Alltag sonst notdürftig verdeckt. Schwärme von Zuschauern, vom Schauder gelockt. Rätselhaftes Gemisch von Neugier und Tiefsinn, von Mitgefühl und Grusellust, von Zudringlichkeit und Scheu.

Wenn dort, wo Pädagogen tagen, das Wort „Sensation“ fällt, erregt es meistens Unwillen: „Bauernfang und Nervenkitzel. Abwege des Abenteuers. Gefühle im Leerlauf. Erlebnisgewinn ohne Einsatz. Reiztrommel der stumpfen Gemüter. Rausch der Illusion. Befriedigung seitwärts vom Leben. Verspießerte Schadenfreude, die – beim Vergleich zur fremden Not – sich an der eigenen Sicherheit weidet.“ So heißt es dort, und es ist etwas Wahres daran.

Aber da ist noch anderes, das nicht vergessen werden darf. Da ist die Gewöhnung, unter deren Schleier Liebe und Tod die wahren Proportionen verlieren. Nur der Blitz kann die Nebelwand zerspleißen. Da ist, im alltäglichen Trott, der Blick vor die Füße, der Blick, der am Boden klebt; nur der Schock kann ihn hochreißen. Da ist unsere menschliche Natur, merkwürdig in sich versponnen, die von klein auf des Anreizes bedarf, um den Geist aufmerken zu lassen. Den Anreiz der Sympathie, der die Liebe weckt. Den Anreiz des Schreckens, der die Anteilnahme mobilisiert. Den Anreiz des Zornes, der die Gerechtigkeit antreibt. Und „Sensation“ – beim Wort genommen – heißt nichts anderes als „Anreiz“.