Er erzählt mir viel, fabelhaft offen, interessant, sprunghaft, revolutionär, wirft alle Theorien über den Haufen. Und der in der Wilhelmstraße – Donnerwetter Es war der Legationsrat Kurd von Schlözer, der vor wenig mehr als hundert Jahren solcherart über seinen Chef berichtete, den preußischen Gesandten in St. Petersburg. Woraus immerhin deutlich wird, daß auch in früheren Stadien deutscher Ostdiplomatie „unser Mann“ in der russischen Metropole durchaus nicht ein Herz und eine Seele mit der Zentrale des Auswärtigen Amtes war. Freilich sollte der Name dieses offenbar ungewöhnlichen und unbequemen Mannes am Hof von St. Petersburg noch erwähnt werden. Er hieß Otto von Bismarck.

Doch bevor der Gedanke sich in historische Parallelen verirrt: zurück zur Wirklichkeit von 1962. Hans Kroll, ungewöhnlich zwar auch und unbequem, ist nicht Otto von Bismarck. Moskau, die Hauptstadt des sowjetischen Imperiums, ist nicht St. Petersburg. Und die Koblenzer Straße ist gewiß nicht die Wilhelmstraße.

Die Koblenzer Straße liegt in Bonn am Rhein, wo man in diesen Tagen ein Stück aufführt, das allgemein als die „Kroll-Oper“ bezeichnet wird – eine Bezeichnung, die weder originell noch richtig ist: es handelt sich allenfalls um eine Operette oder um eine Posse. Während aber nach den Gesetzen des klassischen Theaters die Posse auf die Tragödie folgt, hat sich in Bonn die Reihenfolge verkehrt: die Residenz-Posse mag leicht in eine politische Tragödie einmünden.

Denn die Akteure, die wie aufgeplusterte Provinzmimen\nichts anderes im Sinn hatten, als ihren eigenen nächsten Auftritt, haben bei all dem die Wirkung des ganzen Stückes nicht bedacht. Und diese Wirkung ist fatal. Sie ist auch nicht mehr zu korrigieren – egal, für welchen Schluß sich der Oberspielleiter, dem die Führung des Handlungsablaufes zeitweilig ganz entglitten ist, nun entschieden hat. Bundeskanzler Adenauer hat nicht mehr die Freiheit, ein Happy-End zu arrangieren; er vermag nur noch von zwei miserablen Ausklängen den weniger miserablen zu wählen.

Kurzum: das Stück, dem ein Publikum nicht nur in der Bundesrepublik, sondern in der ganzen Welt, in Ost und West, interessiert, skeptisch, besorgt zugesehen hat, war ein kläglicher Reinfall. Wenn sich der Vorhang senkt, bleibt für uns Deutschen nichts als die beschämende Einsicht, daß hier in einer knappen und wohl nicht untypischen Episode unter grellen Bühnenscheinwerfern die Unzulänglichkeit unserer Politik für jedermann zutage getreten ist.

Die Zentralfigur war der Botschafter der Bundesrepublik in der Sowjetunion, ein Mann, der in vierzig diplomatischen Dienstjahren Schroffheit und Eigensinn, die ihn seit seiner Jugend auszeichneten, nicht abgelegt hat, der gewiß mancherlei Erfahrungen und Kenntnisse erworben, der aber vor allem einen für moderne Diplomaten recht unzeitgemäßen Missionswillen entwickelt hat. Daß dieser Botschafter es als seine Lebensaufgabe betrachtet, eine Entspannung, wohl gar Versöhnung zwischen Bonn und Moskau herbeizuführen und daß er dabei seinerseits in ein zuweilen arg gespanntes Verhältnis geriet zu seiner Regierung und vor allem zu mancherlei politischen Tendenzen in dem Land, das er zu vertreten hat – dies ist seit langem bekannt. Mission und Auftrag gerieten in Konflikt.

Erst vier Monate ist es her, daß Hans Kroll sehr eilig zur Berichterstattung nach Bonn zurückgerufen wurde. Auch damals sprach man schon von einer „Affäre“. Es hieß, der Botschafter habe in einem Gespräch mit Chruschtschow ohne Auftrag eigene Vorstellungen zur Lösung des Deutschland-Problems entwickelt – Vorstellungen, die der offiziellen Politik der Bundesrepublik zuwiderliefen.