Köln

Mit größerer Erleichterung als in früheren Jahren haben sich die Kölner Karnevalsfürsten am Aschermittwoch das Aschekreuz auf die Stirn zeichnen lassen. Allzu lange hatten ihre Gedanken zwischen Völklingen, Hamburg und dem närrischen Fest geschwankt. Nun endlich können sie mit ihrem Präsidenten Thomas Liessem, dem Vorsitzenden des Festkomitees des Kölner Karnevals, aufseufzen: „Laßt uns auf andere Gedanken kommen.“

Kölns Stadtväter und die Vertreter des Festkomitees hatten nach dem Hamburger Unglück zweimal hinter verschlossenen Türen konferiert, um über die Geschicke des Rosenmontagszuges zu entscheiden. Je länger sie zögerten, desto mehr atmeten die Kölner auf, die um ihr Volksfest gebangt hatten. Längst hatten sie bemerkt, daß an den Tribünen und Hochsitzen längs der Feststraßen unbeirrt weitergezimmert wurde. Ohne große Überraschung nahmen sie deshalb den Rathausbeschluß zur Kenntnis: „D’r Zug kütt.“ Am 27. Februar, einen Tag nach der Hamburger Trauerfeier für die Opfer der Katastrophe, war er gefällt worden.

Zur gleichen Stunde wie die Kölner rangen sich auch die Düsseldorfer Karnevalisten zu ihrem Entschluß durch. Mißtrauisch hatten sich die Mannschaften bei den Karnevalshochburgen beäugt. „Die Kölner Karnevalisten sind in einer glücklicheren Lage“, hatte die Rheinische Post am 23. Februar geklagt. „Dort sind alle Wagen fertiggestellt.“ Was die anderen Städte machten, beeindruckt die Düsseldorfer weniger. Denn: „Münster und andere Städte, die ihren Umzug bereits absagten, besitzen bei weitem nicht die Tradition wie Düsseldorf

Zunächst hatten die Düsseldorfer angeregt, der „Bund Deutscher Karneval“ solle eine für das ganze Bundesgebiet geltende Entscheidung treffen. Dieses Ansinnen war jedoch vom Bundesvorsitzenden Thomas Liessem strikt abgelehnt worden. Die Karnevalisten mußten also warten. Auf Sitzungen und Bällen sammelten sie indessen für die Opfer des Hamburger Unglücks und forderten ihre Narren auf, die Narrenkappen nicht auf der Straße, sondern erst im Saal aufzusetzen.

Was die Düsseldorfer und Kölner so lange zögern ließ, war nicht allein die Sorge um das Prestige ihrer vaterstädtischen Feste. Eingedenk der Tatsache, daß die Räder des Rosenmontagszuges nicht nur zur Freude rollen, mußten sie auch die wirtschaftlichen Aspekte bedenken. Der Düsseldorfer Rosenmontagszug, an dem 48 Vereine und Gesellschaften beteiligt waren, hat 150 000 Mark gekostet; 70 000 Mark hat die Stadt beigesteuert. Die Kosten der 27 Festwagen und neun Prunkwagen, die Ausstattung der Begleitwagen und Fußgruppen des Kölner Zuges waren auf 250 000 Mark berechnet worden. Die Stadt Köln rechnet jährlich mit einem Karnevalsgewinn von 1 ‚5 Millionen Mark.

„Es muß zugegeben werden, daß schon viel Geld in den diesjährigen Karneval investiert wurde. Aber andere haben das Leben, andere die Freiheit verloren, und dazu noch Gut und Geld“, hieß es in einem Aufruf des Erzbischöflichen Generalvikariats in Köln, der am Sonntag, dem 24. Februar, unter dem Titel „Unseres Volkes Not und Karneval“ von den Kanzeln des Kölner Erzbistums verlesen wurde. Kardinal Frings ließ die Gläubigen auffordern, sich von lauten Lustbarkeiten zurückzuhalten. „Von den Geistlichen erwarten wir, daß sie an keinen karnevalistischen Veranstaltungen teilnehmen.“ Der Kardinal stellte seinen Pfarrherren jedoch vier Tage später in einer Mitteilung anheim, diesen letzten Passus seines Aufrufs so handzuhaben und zu variieren, „wie es nach Ihrem Urteil den seelsorglichen Belangen am ehesten entspricht“. Für die Hüter des Brauchtums hörten indes die Strapazen auch nach dem Entschluß, den Zug rollen zu lassen, nicht auf. Jetzt waren sie den offenen und versteckten Angriffen der erklärten Anti-Karnevalisten ausgesetzt. Düsseldorfer Narren klagten über anonyme Anrufe, in denen ihnen angedroht wurde: „Wenn ihr auf die Straße geht, dann knallt’s.“ Der Kölner Wohnsitz von Thomas Liessem wurde von unbekannter Hand mit Plakaten verunziert, auf denen ein Totenkopf mit einer Narrenkappe prangte, daneben standen die Worte: „Völklingen, Hamburg, Köln.“ Das Evangelische Männerwerk warnte an Häuserwänden und Zäunen: „Gott sieht hinter deine Maske.“ „Der Kölner Karneval ist doof“, plakatierte die Zeitschrift twen an Litfaßsäulen und Zeitungskiosken.