Nach einem dreiwöchigen Aufenthalt in Rom ist der polnische Primas Kardinal Stefan Wyszynski wieder nach Warschau zurückgekehrt. Dreimal hatte Papst Johannes XXIII. ihn empfangen und mit allerlei Gunstbeweisen ausgezeichnet. Aber sein eigentliches Ziel hat der Kardinal nicht erreicht: die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch den Vatikan. Der Lateran bleibt weiterhin bei seiner Auffassung, daß die Einsetzung Wyszynskis zum Apostolischen Administrator der katholischen Kirche in den früheren deutschen Ostgebieten das äußerste Maß des derzeit möglichen Entgegenkommens sei; die endgültige Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze könne erst nach einem "weltlichen" Friedensschluß ausgesprochen werden, der die Grenzfrage politisch löse.

Bei Polens katholischer Intelligenz hat diese Zurückhaltung des Vatikans Unmut und Unruhe hervorgerufen. Die Stimmen jener Wyszynski-Anhänger werden immer lauter, die an der Loyalität des Heiligen Stuhls gegenüber Polen zu zweifeln beginnen. Die Kurie, so sagen sie, verweigere ihnen den wesentlichsten Beitrag zu einer Verbesserung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat. "Es kommt die Zeit, da wir der handfesten marxistischen Propaganda gegen den Vatikan nicht mehr werden standhalten können" – diese Meinung bringen die geistigen Streiter des Kardinals immer wieder in ihren Publikationen zum Ausdruck.

Ein Teil von ihnen hat, weil er die Politik des Vatikans in der deutsch-polnischen Grenzfrage mißbilligt, bereits die Beziehungen zu der romorientierten Gruppe "ZNAK" des Kardinals abgebrochen. Ein anderer Teil nähert sich in seinen Anschauungen immer sichtbarer denen der Pax-Bewegung, die in ihren Reihen die "fortschrittlichen" und sowjetfreundlichen Katholiken zusammenschließt. Der Führer der Pax aber, Boleslaw Piasecki, hat seit über einem Jahrzehnt die Meinung vertreten: "Polen kann nur mit der Hilfe und mit dem Wohlwollen der Sowjetunion wieder an Bedeutung gewinnen."

So gibt es heute kaum noch Unterschiede zwischen Piaseckis linksgerichteter Pax-Organisation und Wyszynskis ZNAK-Gruppe. Die Kritik am kommunistischen Regime und an der Philosophie des Marxismus, die noch vor wenigen Jahren die ersten Seiten des ZNAK-Organs Tygodnik Powszechny füllte, ist längst verstummt. Die Krakauer Zeitschrift, die damals wegen ihrer mutigen Artikel Achtung und Anerkennung in der ganzen Welt fand, beschränkt sich heute auf die Veröffentlichung neutral gehaltener, promarxistischer, antiamerikanischer und deutschfeindlicher Berichte.

Die ZNAK-Gruppe ist durch zwölf Abgeordnete im polnischen Parlament, dem Sejm, vertreten. Zwei von ihnen haben jüngst in einer Parlamentsdebatte in langen Reden Loblieder auf die neue Schulreform angestimmt, durch die der Religionsunterricht ganz aus den Schulen verbannt werden sollte. Dieses Verhalten der Katholiken fanden sogar die Kommunisten ein wenig merkwürdig.

Es ist auch lange her, seit Stefan Kisielewski – einer der profiliertesten katholischen Publizisten und ZNAK-Parlamentsabgeordneten – in seinen im "Tygodnik Powszechny" erscheinenden Glossen Gwozdzie w mozgu (Nägel im Hirn) nach allein Richtungen satirische Giftpfeile verschoß und den Marxismus auf die Hörner nahm. Damals sprach er den Kommunisten jede moralische und ethische Grundlage ihrer Philosophie ab und widerlegte bei jeder Gelegenheit ihre Thesen vom "sozialistischen Humanismus"; Mal um Mal verkündete er, die Sozialisierung und Verstaatlichung der Wirtschaft werde über kurz oder lang scheitern.

Später schwenkte Kisielewski auf eine versöhnlichere Linie gegenüber den Kommunisten ein. Als ihm darauf vorgeworfen wurde, er setze sich auf "zwei Stühle", gab er im Tygodnik Powszechny folgende denkwürdige Antwort: "Jawohl, ich sitze auf zwei Stühlen. Und ich rate allen meinen Mitbürgern, sich auf zwei Stühle zu setzen, denn man weiß schließlich, wie leicht einem in unserer Lage ein Stuhl wegschwimmen kann..."