Doch der Verlag gab den Zuschlag für die deutschsprachige Erstaufführung dem novitätenfreudigen Wiener Burgtheaterdirektor Ernst Häußermann, der auch Anouilhs Stück zuerst in deutscher Sprache aufgeführt hatte. Was dabei herauskam, darüber berichtete am 29. September 1961 aus Wien DIE ZEIT: Da die Wiener Staatsoper auch noch Pizzettis „schwachbrüstige Oper“ nachEliot herausbrachte, „ist man über das Privatleben Thomas Beckets ebenso genau informiert wie über das Leben der Soraya“. Derselbe Schauspieler (Heinrich Schweiger) spielte erst den König von Anouilh, dann den von Fry. „Nun wäre es an der Zeit, darüber nachzudenken, wer nächstes Jahr ein neues Stück über Heinrich II. schreibt. Vielleicht sollte es Ionesco einmal versuchen? Es wäre wohl weniger historiengetreu, aber vermutlich amüsanter.“

Das hat Christopher Fry nicht verdient. Die Uraufführung in Holland (Anfang März 1961) wäre als Test außer Landes noch verständlich gewesen. Der Autor hatte ja neue Wege beschritten. Nichts mehr vom metaphorischen Wortgebläse seines Jahreszeitenzyklus („Die Dame ist nicht fürs Feuer“, „Venus im Licht“, „Das Dunkel ist licht genug“). „Poetisches“ Theater und (heimliches) Versdrama ist auch der „König Kurzrock“. Aber das Spiel mit der Wirklichkeit wich tieferem Wissenwollen. Fry suchte Wahrheit. Dabei beschnitt er seine Wortranken, bis Formeln daraus wurden. Geschichte wurde Drama. Obwohl die Figuren so historisch wie nur möglich blieben, ist eine Tragödie entstanden – vom Leben konzipiert, von einem Dichter gedeutet und in Form gebracht.

Diese Form ist vielleicht das größte Kunststück, das Fry diesmal gelang: eine Chronik, die nicht als historischer Bilderbogen auf der Bühne umgeblättert wird, sondern weltliches Mysterienspiel, „Welttheater“ im mittelalterlichen Sinne.

Wie wird so etwas heute „ankommen“? Der Autor mochte selber unsicher sein, als er die Uraufführung außer Landes gab, nach Tilburg, einer südholländischen Mittelstadt, wo man mit großem Gepränge – der Dichter neben dem Kardinal sitzend, anschließend Galasouper dansant – einen neuen Theaterbau einweihte. Eine Schauspieltruppe aus Eindhoven stand unter der Regie, des Wieners Karl Guttmann. Im letzten Augenblick ließ der Autor das Vorspiel – frei nach „Wallensteins Lager“ geschrieben – fallen. In Wien, wo Fry demselben Regisseur Guttmann persönlich assistierte, wurde es mitgespielt, in Mannheim wieder fallen gelassen.

Im Mannheimer „Nationaltheater“ gab der Intendant Hans Schüler‚ der sich nächstes Jahr zur Ruhe setzen will, die Regie an einen jungen Gast. Ulrich Brecht, augenblicklich in Lübeck engagiert, war schon als künftiger Oberspielleiter des Mannheimer Schauspiels designiert, als die Stadt Ulm den Vierunddreißigjährigen zu ihrem Intendanten wählte. Sellner-Schüler in Kiel und Darmstadt. von Sellner weiterhin gefördert und empfohlen, inszenierte Ulrich Brecht in Mannheim Theater à la Seilner.-

Über leerer Bühne ein bemalter Plafond, der wie ein Schalldeckel in den Zuschauerraum ragte. Klug ausgedacht: eine Schicksalsfalle. Nur waren – die Raumteile keine Bühnenarchitektur von Franz Mertz, sondern „Zeichen“ von Paul Walter (Mannheim). Das Oben und Unten wurde verbunden durch Pfeiler, die laufen konnten. (Das hätte man nicht bemerken dürfen.) Außerdem hätten sie noch viel schneller „laufen“ müssen, diese raumbildenden, raumverwandelnden Pfosten, an denen man Füße und Hände von Bühnenarbeitern hervorlugen sah. Auch die geringste Verwandlungspause, durch die der Text ins Stocken gerät, ist ein Verstoß gegen die Dramaturgie dieses Stücks.

Im übrigen wurde die Bühne durch Licht gegliedert. Das war das Beste und prinzipiell richtig. Die Lichtorgel ist reich registriert. Und ein „Lichtspiel“ ist auf seine Weise der „König Kurzrock“.