Vor die Frage "Kanonen oder Butter?" gestellt, * entschied sich Hermann Göring für Kanonen, weil ein totalitäres System nun einmal glaubt, ohne Kanonen verloren zu sein, während es meint, den Mangel an Butter mit Disziplin und Terror ohne weites überstehen zu können.

Nikita Chruschtschow hat soeben festgestellt, es sei leider nicht möglich, "der Landwirtschaft zusätzliche finanzielle Mittel auf Kosten der Verteidigung* zur Verfügung zu stellen. Nun ist es in der Tat zutreffend, daß in der sowjetischen Landwirtschaft große Investitionen notwendig wären, um innerhalb des derzeitigen Wirtschaftssystems wesentliche Produktionssteigerungen hervorzubringen. Aber dort gäbe es im Gegensatz zu Görings Deutschland noch ein anderes Mittel, das unfehlbar zum Erfolg führen würde, nämlich die Entscheidung, den Anteil der bäuerlichen Privatwirtschaft auf Kosten der Kolchosen zu vergrößern. Das kostet gar nichts – nur das Eingeständnis, daß das alleinseligmachende System der kommunistischen Landwirtschaft auf einer Fehleinschätzung des Menschen und der Realität beruht. Und das ist Nikita Chruschtschow offenbar ein zu hoher Preis.

Sollen doch die Leute den Gürtel enger schnallen – Hauptsache, das System überlebt. Nicht künstlicher Dünger, sondern mehr bürokratische Überwachung wurde darum in Moskau als Allheilmittel für die Leiden der Landwirtschaft beschlossen. Chruschtschows Ziel ist es, den Weltraum zu erobern; sein Ehrgeiz, den Lebensstandard des sowjetischen Volkes zu erhöhen, ist nicht ganz so himmelstürmend. Er möchte es so weit bringen, daß jeder jeden Tag ein Ei essen könne, sagte er neulich.

Das ist eigentlich eine sehr bescheidene Vorstellung für einen Diktator, der in bezug auf waffentechnische Überlegenheit in geradezu gigantischen Proportionen denkt. Mit acht Bomben könne er die Bundesrepublik ausradieren; er werde nicht davor zurückschrecken, die zweitausendjährige Akropolis zu zerstören; und in den letzten Tagen: Er habe eine Globalrakete, die kein Radarsystem orten könne und mit der es ihm ein leichtes sei, jedes beliebige Gebiet der Welt in Schutt und Asche zu legen.

Man muß zugeben, der Wunsch "Jedem sein Ei in den Becher" nimmt sich, verglichen damit, recht kleinbürgerlich und rührend aus. Einer der preußischen Könige war da vor 200 Jahren schon sehr viel ehrgeiziger – sein Wunsch lautete: Jedem sein Huhn in den Topf. Aber er war freilich auch ein "Reaktionär", der so rückständige Ideale wie Recht und Freiheit hatte und der noch nicht an den "Fortschritt" glaubte, der so teuer ist, daß es zum Sattessen nicht mehr reicht.

In der Sowjetunion wächst die Bevölkerung jedes Jahr um vier Millionen Menschen, die landwirtschaftliche Produktion der letzten Jahre ist dagegen konstant geblieben; in China ist sie sogar permanent rückläufig, während dort die Anzahl der Konsumenten alljährlich um 15 Millionen zunimmt. Man braucht nicht höhere Mathematik getrieben zu haben, auch Analphabeten vermögen sich vorzustellen, was das bedeutet. Auf die Dauer werden die unterentwickelten Gebiete, vor die Wahl "Lenin oder Brot?" gestellt, sich für das Brot entscheiden.

Vielleicht sollten die USA dieser Entwicklung Rechnung tragen und ihren Bauern nicht länger Prämien dafür zahlen, daß sie weniger produzieren, sondern ihnen freie Hand lassen, so viel zu erzeugen, wie irgend möglich. Es könnte sein, daß im Kalten Krieg Butter und nicht Raketen den Ausgang entscheiden. Marion Dönhoff