Um ein fremdes Volk einigermaßen verstehen zu können, muß man etwas von seiner Geschichte wissen. Und soviel auch Funk und Film von Land und Leuten erzählen – für die Geschichtskenntnis ist man immer noch hauptsächlich auf Bücher angewiesen. Es brauchen nicht unbedingt hochgelehrte Wälzer zu sein, im Gegenteil, mit leichteren, ein bißchen geschwätzigen Werken läßt sich vielleicht mehr anfangen. Denn es kommt ja nicht auf strikt akademische Korrektheit an, sondern darauf, daß man mit der Geschichte des anderen Landes so vertraut wird wie die Menschen, die sich das alles in früher Jugend fast unvermerkt angeeignet haben. Ein Buch wie

Alvin Redman: „Auf Englands Thron – Das Haus Hannover“, aus dem Englischen von Maria von Schweinitz; Winkler-Verlag, München; 467 S., 24,80 DM

könnte in diesem Sinn gute Dienste leisten. Diese Kurzbiographien der sechs Herrscher aus dem Haus Hannover und ihrer Ehepartner, Kinder, Verwandten, Mätressen, Minister und politischen Gegenspieler sind eine Fundgrube für jeden, der sich ohne große Anstrengung ein Bild von der englischen Gesellschaft im 18. und 19. Jahrhundert machen will. Redman hat kein ungedrucktes Material verwendet; seine Urteile sind konventionell und manchmal seicht. Aber er ist belesen, und alles, was er erzählt, beruht auf Quellenstudium. In seinem Literaturverzeichnis, das in der deutschen Ausgabe weggelassen ist, werden über hundert Bücher und viele Zeitschriften angeführt.

Die Denkwürdigkeiten aus jener Zeit, zum mindesten bis zum Regierungsantritt der Königin Viktoria, bringen zahllose pikante Histörchen; Redman erliegt mitunter der Versuchung, ein gepfeffertes Memoirenwerk allzu ausgiebig zu benutzen und den romanhaften Liebesabenteuern, die im Leben hoher und höchster Herrschaften damals eine so große Rolle spielten, unverhältnismäßig viel Platz einzuräumen. Straffe Komposition ist überhaupt nicht seine Stärke. Es ist schade, daß er sich nicht mit Charakterporträts und Anekdoten begnügt hat; die Abschweifungen in die sachliche Sozialgeschichte wirken eingeflickt, und die Oberflächlichkeit, die sonst bei einem Buch dieser Art als un défaut de ses vertus entschuldbar ist, wird an diesen Stellen gefährlich.

Für Leser, die sich die Beschäftigung mit der Geschichte eines anderen Volkes noch bequemer machen wollen, gibt es historische Romane. Manche sind freilich reine Phantasiegebilde, symbolische Kunstwerke oder kostümierte Reißer, und also für diesen Zweck nicht zu empfehlen. Aber in

Georgette Heyer: „Die spanische Braut“, aus dem Englischen von Emi Ehm; Paul Zsolnay Verlag, Wien; 483 S., 14,80 DM

sind höchstens einige Nebenfiguren erfunden. Der einschlägige Artikel im englischen Konversationslexikon könnte gut den Waschzettel für diesen Roman abgeben. Georgette Heyer ist – verzeihen Sie das harte Wort, wie Wippchen gesagt hätte – kein heuriger Hase; sie hat bisher nicht weniger als 38 Romane veröffentlicht. „The Spanish Bride“ (in England schon 1940 erschienen) spielt zum größten Teil in Spanien während des Krieges von 1812/13. Für die Milieuschilderung hat die Verfasserin eine kleine Bibliothek von Tagebüchern, Memoiren, Geschichtswerken und anderen Publikationen verwertet. Den Stoff für die Handlung fand sie in der Selbstbiographie von General Sir Harry Smith, der als junger Hauptmann auf dem Schlachtfeld von Bajados ein vierzehnjähriges Mädchen heiratete. Juana Smith macht den ganzen spanischen Feldzug Wellingtons mit, kein Marsch ist ihr zu anstrengend, kein Quartier zu schlecht. Ihre Launen und Temperamentsausbrüche sind ebenso entzückend wie ihre Courage und ihre warmherzige Hilfsbereitschaft. Dieses reizende Persönchen und ihre Umwelt sind mit all der Fertigkeit gestaltet, die man von einer so routinierten Autorin erwarten kann. Ludwig Fürst